Buenos Aires

17 Feb

In Buenos Aires erwartet uns Agustina, die Freundin, die wir während dem Thaimassagekurs zu Beginn unserer Reise – vor zehn Monaten kennengelernt haben. Wir sind überglücklich einen Menschen in dieser Grossstadt zu kennen, welche uns auch noch in ihre Wohnung aufnimmt. Denken wir… aber dann überlässt sie uns ihr kleines Studio und zieht zu einer Freundin um, die in einem Aussenquartier von Buenos Aires lebt, obwohl sie dadurch täglich einen Zug und einen Bus nehmen muss um zur Arbeit zu fahren! Sie ist unglaublich lieb und grosszügig.

Buenos Aires (BA) hat viele verschiedene Gesichter. Wenn man durch die avenidas schlendert, entdeckt man wunderschöne Gebäude, die europäisch geprägt sind und mich an Madrid erinnern. Im Reiseführer steht, dass die Stadt Paris ähnelt. Eben so schön sind die vielen Cafeterias und Bars wo Menschen sich treffen oder einfach Zeitung lesen bzw. heutzutage mit ihrem Laptop online gehen… wer kein WiFi anbietet, ist heute nicht gefragt.

Mir gefällt Recoletta, den Stadtteil mit dem alten Friedhof, in dem berühmte Persönlichkeiten begraben sind wie z.B. Eva Peron. Auf dem kleinen Park daneben kann man in dieser Jahreszeit an den Wochenenden den Tangotänzern zuschauen. In den umliegenden Parks tummeln sich Menschen aller Altersgruppen zum Seilbalancieren, Jonglieren oder Skateboard fahren. Im neuen und modernen Stadtteil Puerto Madero gehen die Jüngeren Inlineskaten, Joggen und/oder Kaffeetrinken.

Dem Verkehrslärm entkommen kann man nur im Parque Ecologico, der direkt am Fluss liegt, aber leider nur bis 18 Uhr auf hat. In der Nähe der Casa Rosada (dem Regierungsgebäude) findet das geschäftige Leben statt. Hier hat es Fussgängerzonen, Strassenmärkte, Läden, Banken usw. Besonders schön zum Schlendern sind die Marktplätze in San Telmo oder Palermo viejo.

Wir befinden uns mitten in der Stadt im Quartier „once“ wo Grosshändler ihre Ware an Kleinhändler verkaufen. Once ist ein Verkehrsknotenpunkt an dem es besonders laut zu und her geht und wo sich viel Dreck sammelt, denn die vielen Händler hinterlassen ihren Müll auf der Strasse. Dazu kommen die Müllsäcke, welche abends vor die Türen deponiert werden und von diversen Menschen durchwühlt und nach Karton, Papier und Petflaschen sortiert werden. Dementsprechend sieht es danach auf der Strasse aus bis der Müllwagen vor Sonnenaufgang vorbeifährt und die Reste aufsammelt. An den Strassenecken liegen Bettler, einigen davon gelingt es sogar ihre Wohnung unter freiem Himmel aufzuschlagen.

Mit einem Stadtplan finden wir uns schnell zu recht und mit einem Busbüchlein trauen wir uns sogar die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Was das Busfahren betrifft, sind die Argentinier sehr diszipliniert. Vor jeder Haltestelle wird eine Schlange gebildet. Man respektiert die Reihe und stellt sich hintereinander auf. Die Alternative zu den Bussen ist das U-Bahn-System (Subte), das einfacher für Fremde ist und für alle viel schneller.

Die ersten Tage bzw. Wochen verbringen wir mit Abklärungen und Vorbereitungen für die Auslösung der Fahrzeuge bei Ankunft in BA. Leider liefert uns der australische Agent keine Infos. Obwohl wir die Verschiffung bezahlt haben, bekommen wir diesen „Bill of Lading“ nicht, die Bestätigung dass der Container unterwegs ist. Erst nach einem bösen Email rückt der Agent mit einer Kopie raus. Dabei müssen wir herausfinden, dass unsere Fahrzeuge nicht wie mitgeteilt am 15. Februar in BA ankommen werden, sondern dass an diesem Tag der Container in Hong Kong auf das nächste Schiff verladen werden soll! Somit verschiebt sich die Ankunft auf den 17. März.

Währenddessen suchen wir für Mike einen Spanischkurs, den er besuchen könnte. Die kommerziellen Sprachschulen sind uns zu teuer. Die Universität bietet während den Sommerferien einen Kurs an, der günstiger ist, doch finden wir zum selben Preis einen Privatlehrer, der Mike täglich 1 bis 2 Stunden unterrichtet. Patricio arbeitete früher für eine dieser Sprachschulen, hatte aber die „Nase voll“ von der Massenabfertigung und bietet jetzt mit zwei anderen Lehrer Privatunterricht an. Patricio geht sehr schnell vorwärts, gibt Mike jede Menge Hausaufgaben, so dass er während zwei Wochen „Vollzeit“ mit Spanischlernen beschäftigt ist.

In der Zwischenzeit wird in Agustina’s Wohnblock das Gas abgestellt. Morgens als ich Wasser für den Tee aufsetzen will, geht nichts mehr. Ich denke mir, dass evtl. das Gas in der Wohnung ausgegangen ist, aber dann erfahre ich von einer Nachbarin, dass auch sie nicht mehr kochen kann. Das bedeutet, dass es auch kein warmes Wasser zum Duschen gibt. Gut haben wir gerade Sommer!

Am 14. Februar soll Patric ankommen. Deshalb sind wir dabei eine Mietwohnung für uns drei zu suchen – für eine Woche, danach möchten Mike und ich raus ins Grüne, Pause vom ständigen Lärm in der Stadt. Durch Agustina erfahren wir, dass in Argentinien Kurse für den Naturbau d.h. Bau mit Erde angeboten werden. Wir lassen uns die entsprechenden Infos von ihr geben und kommen zum ersten Mal mit dem Begriff „Permakultur“ in Berührung. „Wie kann man nachhaltig in und mit der Natur leben“. Das Thema fasziniert uns seit langer Zeit.

Der Baukurs für den wir uns anmelden möchten, ist leider ausgebucht, aber bald finden wir einen für uns besseren Einstieg in dieses Thema, denn ein in Mexiko lebender Deutsche, der in der Permakulturszene bestens bekannt ist, befindet sich zur Zeit in Buenos Aires und bietet einen Kurs an vom 18. bis 20.2. für den wir uns gleich anmelden.

Mittlerweile finden wir eine Wohnung im Internet. Die Wahl fällt uns nicht leicht, denn das Angebot ist gross, obwohl die Preise die Suche schon etwas einschränken. Man muss den Betrag in USD bei Wohnungsbezug bar bezahlen inklusive einer Kaution in der selben Höhe wie die Miete. Wir haben zwar keine Dollars dabei, doch denke ich mir, dass sich dies einfach lösen lässt. Haben wir doch schon Bankomate gesehen, die Dollars anbieten.

Am Freitag 10.2. gehe ich auf Dollars Suche. Der Bankomat bei uns um die Ecke hat keine sowie auch die anderen Banken in der Gegend. Ich fahre mit dem Bus zu einer touristischeren Gegend und frage dort in einer Bank nach, wo man mir sagt, dass nur die Banke in der Gegend der „Casa Rosada“ Dollars haben. Also fahre ich mit der Subte dahin.

Schnell werde ich fündig, doch meine Karte geht hier nicht, also suche ich weitere Banken bis ich nach fünf Anläufen entrüstet aufgebe. Ich beziehe argentinische Pesos um das Geld umzutauschen, aber dann erklärt mir ein Bankangestellter, dass Ausländer keine Fremdwährungen kaufen können, ausser wenn man belegen kann, dass man schon mal in Argentinien gekauft hat?! den Reisepass muss man dann ebenfalls vorweisen.

Ich denke mir, dass uns Agustina bestimmt helfen kann und rufe sie an. Von ihr erfahre ich dann, dass Einheimische ein Jahreslimit haben für den Bezug von Fremdwährungen und dass dieses von ihrer Jahreseinkunft abhängig ist. Sie hat ihr Limit bereits ausgeschöpft. Daraufhin rufe ich die Maklerin an und will wissen, ob ich nicht doch in Pesos bezahlen kann. Was auf der Homepage als ein „Muss“ angegeben wird, ist dann doch möglich aber natürlich zu einem viel schlechteren Kurs, was wir umgehen möchten. Deshalb leihen wir uns einige Dollars von Agustina aus und bitten Patric in Australien für uns zu wechseln bevor er abreist.

Am Samstagmorgen bringe ich unsere Schmutzwäsche in die „Lavanderia“, die vier Blocks von der Wohnung entfernt liegt. Auf dem Rückweg hole ich Brot in der Bäckerei und Früchte im „Tante Emma Laden“ um die Ecke. Wir machen die Wohnung sauber und packen unsere Rucksäcke für den Umzug. Mit einem kleinen Rucksack und den Laptop-Taschen machen wir uns auf den Weg zum Bus. Die Wohnung liegt ca. 2 km entfernt an der avenida Santa Fe – Ecke Gallo.

Wir laufen die Paar Schritte durch die Menschenmenge zur Bushaltestelle und warten einige Minuten. Als ich in den Bus steigen will, passiert das Unfassbare… Das Portmonnaie mit dem Geld für die Wohnung, den Kreditkarten und den Personalausweisen wird mir aus dem umgehängten Täschchen geklaut, dreist und innert Sekunden. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, was passiert ist. Ich bin geschockt und sprachlos. Was machen wir jetzt?

Ich stehe hilflos im Bus und begreife die Welt nicht mehr. Eine Frau versucht mir gut zuzureden, rät uns zur Polizei zu gehen damit wir den Verlust der Ausweise melden können. Wir wissen nicht genau wo wir aussteigen müssen, haben die Orientierung verloren und es ist schon zwölf – die Übernahmezeit. Nur ohne Geld werden sie uns nicht in die Wohnung lassen. Unser Glück ist, dass ich eine Kreditkarte in der Hosentasche habe mit der ich Bargeld beziehen kann.

Nach der Wohnungsübernahme rufe ich in der Schweiz an um die Kreditkarten zu sperren. Später suchen wir den Polizeiposten auf um den Verlust zu melden. Bei dieser Suche lernen wir zwei Polizeiposten kennen, denn in Buenos Aires wird die Meldung in dem Bezirk gemacht, wo der Schaden stattgefunden hat. Der Papierkramm wird schnell erledigt. Die Polizei will nicht einmal wissen wie der Diebstahl stattgefunden hat.. Es passiert wohl viel zu oft.

Nach diesem Erlebnis werde ich paranoid. Ich misstraue jedem Passanten und erfinde hinter jeder Tat eine böse Absicht – schlimm! Ich habe kein Portmonnaie mehr, braucht man hier nicht. Das Geld und die Wertsachen trägt man direkt am Körper. Öffentliche Verkehrsmittel sind beliebte Orte für Diebe. Hier und überall auf der Welt. Ich glaube, dass man vieles vermeiden kann, wenn man bewusst handelt und präsent ist. Gelegenheit macht Diebe – ich hoffe diese Erfahrung erinnert mich daran, mehr im Moment zu sein. Ich glaube, dass dies nicht passiert wäre, wenn ich mich nicht beeilt hätte. Wenn ich nicht besorgt gewesen wäre, dass wir zu spät kommen zu unserem Termin.

Die Wohnung ist angenehm und wir fühlen uns wohl, obwohl sie an einer Hauptstrasse liegt. Es hat einen Supermarkt auf der anderen Strassenseite, einen „Tante Emma Laden“ zwei Häuser weiter. Übrigens fällt hier auf, dass viele dieser kleinen Läden in chinesischer Hand sind. Wie uns erzählt wird, ist das erst seit einigen Jahren so. Es gibt wohl diverse Abkommen zwischen der argentinischen und der chinesischen Regierung.

Eins dieser Abkommen ist der Anbau und Export von Soja. Was früher Weideland war für die Rindzucht wird heute als Anbaufläche genutzt. Das bringt den Bauern mehr Geld und wird vom Staat subventioniert.  Man sieht also praktisch keine Kühe mehr weiden in diesem grossen Land.

Wir wundern uns, dass das argentinische Fleisch immer noch so lecker ist. Wir nehmen am Sonntag an einer Parrillada teil, die im Haus Agustina’s Freundin stattfindet. Grosse Fleischstücke werden lange Zeit auf Holzkohle gegrillt ohne Gewürz. Das Fleisch schmeckt traumhaft. Die Argentinier essen Unmengen an Fleisch und das obwohl der Preis vor zwei Jahren massiv gestiegen ist. Sie sind die weltweit grössten Rindfleisch Konsumenten. An die Esszeiten müssen wir uns aber noch gewöhnen. Es wird um 15 Uhr zu Mittag und um 22 Uhr oder später zu Abend gegessen.

Am Dienstag Abend fahren wir mit dem öffentlichen Bus zum Flughafen um Patric abzuholen. Die Busfahrt dauert zwei Stunden und kostet ganze 2 Pesos: 40 Rappen. Der öffentliche Verkehr wird in Argentinien subventioniert. Nach einer 40 Stunden Reise ist Patric hundemüde vom elend langen Flug und der horrenden Zeitverschiebung, doch wir haben uns viel zu erzählen auf der Rückfahrt zur Stadt und haben zwei Stunden Zeit. Er schläft danach sehr lange, wacht erst am Mittwoch nach 17 Uhr auf.

Patric beschliesst den ganzen Monat in Buenos Aires zu bleiben. Er macht sich gleich auf die Suche im Internet nach einer günstigen Bleibe. Ich helfe ihm etwas bei der Suche und der telefonischen Abklärung.

Mike und ich fahren wie vereinbart am Wochenende zum Permakulturkurs. Was wir danach unternehmen, möchten wir anschliessend entscheiden. Eins ist aber sicher… weg von der Stadt…

PS: Patric’s spannende Erfahrungen sind unter der folgenden Seite zu lesen: http://www.umdiewelt.de/Reisende/Autor-5360.html

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4 Antworten to “Buenos Aires”

  1. Thomas & Stefan 22/03/2012 um 4:50 am #

    Hallo Ihr Lieben! Ohjee, wir wissen nur zu genau wie sich das anfühlt… Bei uns war’s ja die komplette Kameraausrüstung… :-( wünschen Euch trotzdem alles Gute und hoffen, dass Euer Zuhause auf Rädern bald in Südamerika eintrifft. Liebe Grüsse von den Jungs

    • avelezsun 23/03/2012 um 2:22 am #

      Hallo zäme! Danke für die guten Wünsche! Das neue ETA von Dingidi (estimated time of arrival) ist der 4.4. Wir sind jetzt wieder in Buenos Aires und bilden uns (online) in Permakultur weiter. Herzliche Grüsse und alles Liebe

  2. Hugo und Annemarie Gnägi 22/03/2012 um 12:13 am #

    Hola Ana-Maria y Mike
    Argentinien, bzw. Buenos Aires hat euch also mit offenen Armen in jeder Beziehung empfangen. Hoffentlich warten nicht noch mehr „Erfahrungen“ der weniger netten Art auf euch.

    Eure Berichte lesen wir mit grosser Freude. Ich musste mir gleich eine Tango CD einlegen und „grad chli träume“.
    Wir wünschen euch buena suerte und grüssen herzlich
    Annemarie Hugo

    • avelezsun 23/03/2012 um 2:26 am #

      Hola queridos Annemarie y Hugo, vielen Dank für die guten Wünsche! Alles Liebe nach Biel!

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