Tierramor en Buenos Aires

20 Feb

Wir machen uns bereit für unseren ersten Kurs über „Permakultur“. Um 6 Uhr morgens fahren wir mit der Subte zum Bahnhof „Constitución“ wo wir den Zug nach Ezeiza nehmen. 45 Minuten später steigen wir auf einen Bus um, der nach Tristan Suarez fährt. Am Treffpunkt sind wir die ersten von neun Kursteilnehmern, welche mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach und nach eintreffen. Man begrüsst sich mit einem Küsschen, sowohl Frauen wie auch Männer, als kenne man sich schon längst (ich meine auch Männer küssen sich). Als wir erzählen, dass wir aus der Schweiz und Deutschland kommen, gibt es sogar den einen oder anderen Teilnehmer, der Deutsch spricht, welche Überraschung!

Wir werden mit zwei Autos abgeholt und zur „Chacra“ gefahren, was soviel wie Finca oder Landgut heisst. Dort wird uns gleich mitgeteilt, dass es ein organisatorisches Problem gibt:  Wir haben keinen Strom. Am Vortag hat ein Sturm in der Nähe gewütet. Ein Baum ist auf die Stromleitung gefallen, welche das Haus speist. Somit hat es weder Licht noch Wasser, denn die Wasserversorgung funktioniert ebenfalls mit Strom.

Eine gute Nachricht ist, dass es eine alte Wasserpumpe hat, mit der man das Wasser vom Brunnen manuell hochpumpen könnte, diese ist aber seit einem Jahr ausser Betrieb und muss zuerst wieder Instandgesetzt werden. Holger, unser Kursleiter scheint sich über die Herausforderung etwas zu freuen. Das „permakulturelle“ Erlebnis wird dadurch sehr echt.

Während sich die Einen mit der Herausforderung der Wasserpumpe befassen, darunter auch Mike, stellen die Anderen die mitgebrachten Zelte auf. Wir bekommen ein Zelt ausgeliehen für dieses verlängerte Wochenende. Ich packe das Zelt aus und während ich noch überlege, wie die Stangen wohl zu ordnen sind, habe ich drei Frauen um mich herum, die das Zelt in „Null Komma Plötzlich“ aufstellen. Alle Menschen sind zum helfen hier. Das macht Spass!

Holger ist vor über 25 Jahren von Europa nach Mexiko ausgewandert wo er mit seiner Familie eine Bio-Farm betreibt. Daneben bildet er Interessierte in Permakultur aus und führt weitere Beratungsprojekte in diesem Bereich. Er hat ein bedeutendes Internetportal für Lateinamerika in Sachen Permakultur aufgebaut. Seine Homepage heisst „Tierramor“ was Erdenliebe bedeutet, daher der Titel für diesen Beitrag.

Er spricht perfekt Spanisch und benutzt bei seinem Referat viele Fachwörter, die mir nicht geläufig sind. Ich bin sehr froh, dass er in der Sprache seine deutsche Struktur behalten hat, denn dies erlaubt mir Mike simultan zu übersetzen. Manchmal fehlen mir die richtigen Worte, doch mit der Zeit geht es immer besser, so dass Mike an den Diskussionen aktiv teilnehmen kann, was mich freut und erleichtert.

Unser Kursleiter spricht über die Problematik von „Peak-Oil“: Die Spitze der Ölförderung. Wir haben bereits mehr als die Hälfte der vorhandenen Ölressourcen der Welt verbraucht. Was 65 Mio. Jahren zur Bildung benötigt hat, haben wir innert 150 Jahren ausgegeben. Buchhalterisch gesprochen, leben wir von unseren Aktiven. Wir bauen unsere Reserven in einer Schwindel erregenden Geschwindigkeit ab! Die folgenden Videos zeigen diese Problematik sehr deutlich.

300 Jahre Fossile Energie in 300 Sekunden
NZZ Peak Oil
Quarks & Co, das Ende des Erdöls

Ein sparsamerer Umgang mit Energie könnte die Problematik ein wenig entschärfen, noch sieht es aber nicht danach aus, ganz im Gegenteil. Der Ölverbrauch lag vor vier Jahren bei 4‘000 Milliarden Liter pro Jahr und er steigt weiterhin rapide an. Das ist das eigentliche Problem. Die Nachfrage ist enorm und es gibt KEINE vorstellbare Alternative, die solche Mengen von Öl zu ersetzen vermag!

Das bedeutet dass wir unser Leben, wie wir es heute kennen, nicht weiterführen können und dürfen. Wir verbrauchen die Reserven der nachfolgenden Generationen! Wir müssen umdenken und handeln.
Bewusst konsumieren: Brauche ich das wirklich? Welcher Energiewert hat dieses Produkt?
Bewusst einkaufen: Woher kommt das? Lokale Produkte vorziehen und auf Verpackungen verzichten.
Bewusst essen: Jahreszeiten gerecht, wenn möglich aus eigenem Anbau.
Bewusst fahren: Öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Fahrgemeinschaften bilden.

Wir lernen an diesem Wochenende die Prinzipien der Permakultur kennen und dass der Weg zurück zur Natur durchaus möglich ist, unabhängig davon ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt. Die Natur ist ein grossartiges Wunder und wir sind ein Teil von ihr. Die Natur regeneriert sich. Sie sucht sich immer einen Weg, nur dauert es viele Jahre dazu. Sie braucht den Menschen nicht zum Überleben, aber wir sie!

Ihr habt Euch bestimmt wie ich gefragt, was ist denn „Permakultur“? Für mich ist es eine ganzheitliche Lehre, wie man in Einklang mit der Natur unter Berücksichtigung aller Systeme leben kann. Jedes System was uns umgibt, bildet einen geschlossenen Kreis und ist mit allen anderen Systemen verbunden. Es gibt kein „draussen“, keine Trennung. Mit System gemeint sind z.B. die Pflanzen, die Bäume, der Boden, das Haus, das Wasser, die Insekten, die Tiere, der Mensch, der Wind usw. Wenn wir die einzelnen Systeme beobachten, wie sie sich verhalten und wir sie optimal einsetzen bzw. nutzen, werden sie widerstandlos miteinander auskommen  und sie werden sich gegenseitig unterstützen und uns dadurch die Arbeit erleichtern.

Wenn wir wissen welche Pflanzenarten harmonieren und sich gegenseitig unterstützen und wir diese zusammen pflanzen, werden diese wachsen und gedeihen.

Wenn wir dem Boden die Nährstoffe wieder zufügen, die wir ihm durch Abholzung, Monokulturen, Einsetzung von Chemikalien usw. entzogen haben, wird er sich innerhalb relativ kurzer Zeit regenerieren.

Wenn wir Felder mit einheimischen Bäumen wieder aufforsten, werden wir Erosion verhindern und dadurch den Verlust dieser ersten wichtigen Erdschicht stoppen.

Wenn wir die Insekten in unserem Garten nicht als Plage anschauen sondern versuchen herauszufinden, was in dem Kreislauf fehlt, werden wir keine Insektiziden brauchen. Wie hier die Enten bei der Bekämpfung der Schneken wirken.

Wenn wir die tierischen wie auch die menschlichen Fäkalien kompostieren und diese dem Boden wieder zurückgeben, wird sich der heute offene, gestörte Kreislauf wieder schliessen. Dann werden wir aufhören das Wasser zu verschmutzen um es mit energieaufwendigen und kostspieligen Prozessen wieder zu säubern.

und und und… die Liste der „wenn“ ist unendlich lang.

Ich lege Euch folgende Filme ans Herz. Leider habe ich bisher keine deutsche Version im Netz gefunden. Hier ist die englische Version mit spanischen Untertiteln:

„Dirt the movie“ ist ein Dokumentarfilm über die Erde, der sehr informativ und spannend ist.

„The Power of Community“ (How Cuba Survived Peak Oil) ist ein hervorragender  Dokumentarfilm über die Art wie Kuba auf das Embargo reagiert hat und mit dem wenig gewordenen Erdöl auskommt.

Wir lernen an diesem Wochenende, dass man die Landschaft „lesen“ kann. Wenn man mit offenen Augen die Landschaft beobachtet, kann man vieles erkennen, ablesen und danach handeln. Wir hören, dass es sinnvoll ist, Bäume als Windbarriere zu nutzen damit der Wind nicht über den Boden fegt und das Wasser verdunstet. Wir erfahren die Funktion und den Nutzen einer Trockentoilette. Wir legen ein Gemüse- und Kräuterbeet an mit einfachen und wirksamen Mitteln unter Berücksichtigung der optimalen Lage.

In der Permakultur ist es wichtig, dass alle Systeme mindestens drei Funktionen erfüllen. Marina (Holgers Lebenspartnerin) lehrt uns über Heilkräuter, ihre Eigenschaften und wie man diese anwendet, wie man Medizinöle mischt oder eine Naturseife herstellt.

Die Lerndidaktik ist spannend und kurzweilig. Wir bilden verschiedene kleine Gruppen um über die einzelnen Grundprinzipien der Permakultur zu diskutieren und uns diese anschliessend gegenseitig vorzustellen mittels Pantomime, Theaterspiele, Erzählungen usw. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Mike wird wunderbar in die Gruppen integriert und findet immer einen Weg zur Verständigung.

In der Gruppe übernimmt jeder von uns eine Funktion wie zum Beispiel beim Mittagessen zu helfen oder das Wasser nachzufüllen oder die Küche sauber zu machen. Da wir um die 30 Personen sind, verteilen sich die Aufgaben gut auf alle Teilnehmer, diese werden jeden Morgen neu verteilt. Das Motto ist, keine Abfälle zu generieren oder zu hinterlassen. Falls es doch etwas an Abfall gibt, wird es getrennt, wenn möglich kompostiert und die Kunststoff-Abfälle werden in Petflaschen versorgt. Die gefüllten Petflaschen werden anschliessend für den Bau als Backsteine benutzt.

Die Verpflegung ist rein vegetarisch mit Vollkornreis, Linsen, Kichererbsen, organischem Gemüse, frischen Salate und viel Obst. Am ersten Abend essen wir Pasta und am zweiten gibt es Pizza aus dem Holzkohleofen. Argentinier trinken den ganzen Tag Mate und das ist ein besonderes Ritual. Dazu braucht man heisses Wasser in einem Thermoskrug. Die trockenen Kräuter d.h. der Mate wird in eine spezielle Tasse gesteckt, welche ein Silberröhrchen hat. Der „Matekocher“ giesst Wasser in die Tasse ein und gibt die Tasse jemandem in der Gruppe weiter. Derjenige trinkt den Mate aus (es sind nur wenige Schlucke) und gibt die Tasse wieder dem „Matekocher“ zurück. Dann wird die Tasse wieder mit heissem Wasser gefüllt und an jemand anderem weitergereicht. Mate wird mit verschiedenen Kräutern getrunken oder pur, manchmal wird er mit Honig angereicht.

Wir lernen wunderbare, interessante, sehr unterschiedliche Menschen kennen, welche ähnliche Beweggründe haben wie wir. Einige davon leben in Buenos Aires, die meisten möchten raus aus der überbevölkerten Stadt aufs Land ziehen. Andere möchten in der Stadt lernen mit Hilfe von Permakultur zu (über)leben. Dieser Kurs gibt uns alle Hoffnung auf ein erfülltes, sinnvolles Leben in und mit der Natur, auf eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte. Wir erfahren, wie wichtig es ist eine Gemeinschaft zu bilden, damit man sich gegenseitig hilft, unterstützt und viele wertvolle Erfahrungen macht.

Wir entdecken, dass unsere Reise durch den südamerikanischen Kontinent eine ökologische Lernreise sein wird. Diese Lebenskultur lässt unsere Herzen höher schlagen und gibt den Takt an für die nächsten Ziele d.h. wir werden die Permakultur oder wie die Lehre an anderen Orten heissen mag, als einen roten Faden für unsere Reise nutzen.

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