El Jardin de los Presentes

4 Mrz

Die geplante 11 stundige Fahrt nach Capilla del Monte kommt mir recht kurz vor. Auch weil wir zwei Stunden vor der planmässigen Ankunftszeit eintreffen… das soll es auch geben! keine Ahnung wie die Busfahrer das geschafft haben.

Mit unseren Rucksäcken beladen machen wir uns zu Fuss auf den Weg zu „el jardin de los presentes“, dem Garten der Gegenwärtigen, dem Ort wo unser zweiter Kurs über Permakultur stattfindet. Capilla del Monte scheint auf dem ersten Eindruck ein verschlafenes Dorf zu sein.

Die Strassen sind sehr spärlich beschildert.  So müssen wir die Menschen, die wir unterwegs treffen, nach dem Weg fragen, was uns nicht immer weiterbringt, denn viele wissen nicht wo die Strasse Berutti ist. Obwohl wir keinen Ortsplan dabei haben, kommen wir tatsächlich nach ca. 40 Minuten an. Der „jardin“ ist ca. 2,5 Kilometer vom Zentrum entfernt.

Beim Eingang hat es kein Tor aber eine Glocke. Wir gehen einen schmalen Pfad entlang, der an einem Haus aus Holz vorbei führt. Drum herum ist alles grün, man hört Stimmen, aber kann nichts sehen. Auf meine Rufe hin kommt uns ein freundlicher junger Mann mit Bart entgegen. Fernando begrüsst uns mit Küsschen und führt uns am Hühnerstall vorbei zu einem Platz, an dem sich mehrere Menschen befinden, die gerade an einer Lichtinstallation basteln.

Nach der Begrüssung zeigt uns Fernando den Platz, welcher die Nachbarin zur Verfügung stellt um die Zelte der Neuankömmlingen aufzustellen. Es sind kleine Flächen, die nicht mal 2 Meter auf 2 Meter gross sind. Ich bin sehr gespannt, wie man hier 30 Menschen beherbergen will. Um unser Zelt aufzustellen müssen wir grössere Steine auspudeln, umplatzieren und Unkraut entfernen.

haben wir genug Platz?

Kurz darauf kommen – ebenfalls aus der Hauptstadt – die Kursgeber Holger und Marina mit ihren Söhnen Merlin (15) und Ilan (10) an. Der Kurs fängt ja erst morgen an, doch da schon einige Leute hier sind, gibt es eine kurze Vorstellungsrunde. Die Organisatoren sind gleichzeitig die Bewohner dieses Grundstückes: Pablo, Flor, Fernando und Emilce. Die Teilnehmer kommen aus diversen Orten Argentiniens und es hat neben uns zwei weitere ausländische Gäste aus Peru und Teneriffa. Es sind junge Leute aus verschiedenen Berufsrichtungen von Biologie oder Landwirtschaft über Medizin. Einige studieren und wiederum andere gehen einer Angestelltenbeschäftigung nach.

An diesem Abend hält Holger im Dorf einen Vortrag über„Peak Oil“ und Permakultur. Der Vortrag ist für alle Interessierte kostenlos und soll einen Einblick in die Thematik geben sowie weitere Kursteilnehmer anlocken. Dabei entsteht eine angeregte Diskussion mit einer über 80-jährigen Dame, die sich die alten Zeiten „ohne Facebook, Handy und co.“ herbei sehnt. Ihre Ausführungen sind sehr spannend. Die Powerpoint Präsentation geht leider früher als geplant zu Ende, da wie so oft der Strom ausfällt. Nichts desto trotz bewältigt Holger die Situation und führt sein Referat erfolgreich zu Ende, dabei rüttelt er wieder einmal an unsere Wahrnehmung der Realität.

Auf dem nach Hause Weg diskutieren wir sehr angeregt und sind gespannt was uns die nächsten Tage bringen. Die erste Nacht im Zelt schläft Mike ganz schlecht, da der Nachbar ganze Wälder absägt. Um 7 Uhr wird der Gong zum Aufstehen geschlagen, anschliessend spielt Fernando die Panflöte für die, die immer noch nicht auf mögen. Viel zu früh für Mike, aber es hilft nichts. Es gibt viel zu tun.

Die täglichen Hausaufgaben werden zwischen den Teilnehmern aufgeteilt, dazu gehört z.B. den Hühnern zu fressen geben, den Garten zu bewässern, die Komposttoiletten zum Kompost zu tragen und die Eimer auszutauschen oder das Essen zu bereiten. Es werden Gruppen gebildet für das Frühstück, das Mittagessen oder den Abwasch.

Zum Frühstück schlägt der Gong um ca. 8 Uhr. Es gibt frische Früchte und entweder gekochter Weizen oder gekochte Haferflocken oder Vollkornbrot und dazu hausgemachte Konfitüren. Natürlich darf der Mate nicht fehlen. Für diejenigen unter uns, die Mate nicht mögen, gibt es stattdessen Tee mit frischen Kräutern. Wir nehmen das Frühstück üblicherweise am Fluss ein, nicht wegen dem Wasser, denn der Fluss geht an dieser Stelle unter der Erde, sondern wegen der Sonne, die einem dort so schön wärmt.

Die klimatischen Verhältnisse hier auf 1’000 Meter sind sehr wechselhaft. Nachts haben wir Temperaturen von 10 bis 25 Grad und sind froh, noch einen Schlafsack gekauft zu haben. Wir erleben heisse tropische Hitze, Regen, Hagel und klirrende Kälte. Diese Gegend hier ist üblicherweise sehr trocken, doch es ist Regenzeit, was wir in unserem Zelt Naturhautnah miterleben dürfen. Es hagelt und regnet einmal so stark, dass wir ohne Luftmatratze, wohl im Wasser liegen würden.

Am ersten Kurstag wird uns der „jardin“ durch Pablo und Fernando vorgestellt. Das Land hat Pablo vor zwei Jahren gekauft und wird seither bebaut, bewohnt und bearbeitet. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, die mit Adobe (Mischung aus Lehm, Sand, Wasser und Stroh) gebaut wurde, auf derem Dach wurde ein Kräuter- und Gemüsegarten angelegt. Er versorgt sie mit Karotten, Kohl, Kürbis und vielem anderen. Im weiteren haben sie zwei Hütten, ein grösseres aus Holz, ein kleineres aus Adobe. Ein weiteres Haus, das auch die Funktion eines Wintergartens erfüllen soll, ist im Rohbau. Zu den weiteren Einrichtungen gehört ein Temaxcal, das ist eine Art Sauna für ein heiliges Ritual, was aus Mexiko stammt.

Die Trockentoiletten sind separat im Aussenbereich angebracht, einmal als transportable Version und die andere in der Duschzelle. Die Dusche selbst wird mit Solarenergie betrieben. Das heisst, das Wasser wird auf bis zu 70 Grad mit der Sonne aufgeheizt. Dann gibt es noch einen Hühnerstall bestehend aus 5 Hühner, einen Hahn und 5 Küken sowie eine kleine Werkstatt. Die Werkstatt ist Pablo’s Heiligtum, da er dort seiner Kreativität beim Arbeiten mit Metall und Holz freien Lauf lassen kann.

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„el jardin de los presentes“ ist ein gemeinschaftliches Projekt, das ein Leben in der Natur ermöglicht und Lernraum bietet um viele handwerkliche Fähigkeiten zu lernen und zu praktizieren. Dauerhaft wohnen drei Personen hier, doch sie haben viele Besucher und Volontäre, die kommen und gehen sowohl einheimische wie ausländische.

Während diesem 7-tägigen Kurs werden wir von Holger, Marina, Pablo und Fernando durch verschiedene Themen der Permakultur geführt. Zusammengefasst sind das die Haupthemen mit denen wir uns befassen:

*Die Grundprinzipien der Permakultur

Wir lernen die 12 Grundprinzipien in kleinen Gruppen kennen mittels Theaterspiele, Pantomime etc. was das Lernen spannend macht und die Kontakte in der Gruppe fördert. Mike hat grossen Spass dabei und wird trotz Sprachbarriere wunderbar in der Gruppe integriert.

*Der Nutzen und die Funktion einer Komposttoilette

Pablo hat zusammen mit Menschen, die hier vorübergehend gelebt haben, eine sehr effiziente tragbare Komposttoilette entwickelt. Die Komposttoilette wird sogar als Dienstleistung an Events angeboten und wurde zuletzt an einem Frauentreffen in San Marcos Sierra während drei Tagen genutzt. Über 12‘600 Liter Trinkwasser wurden dadurch gespart! Und nicht nur das, anstelle der Verunreinigung des Wassers wurden 700kg kompostierbarer Dünger generiert. Ein erfolgreiches ökologisches Unternehmen!

Und so funktioniert die Trockentoilette im „jardin“: man verrichtet das kleine und das grosse „Geschäft“ in Eimern, die mit etwas Erde und Sägespäne gefüllt sind und deckt jedes „Geschäft“ inkl. WC-Papier nachträglich mit einer Schicht Sägespäne ab, was nicht nur die Geruchsbildung stoppt sondern das Auge freut. Die Eimer werden ausgewechselt sobald sie zu 2/3 voll sind. Einmal wöchentlich werden die Eimer in den Kompost geleert. Nach 6 monatiger Sammlung wird der Kompost für mindestens 1 ½ Jahre liegen gelassen. Nach dieser Zeit ist aus der menschlichen „Hinterlassenschaft“, die mit Erde und Sägespäne gemischt worden war, hochwertiger Humus entstanden, welcher den Boden bzw. die Pflanzen nährt.

Was hier im „jardin“ in portabler Form errichtet wurde, hat Holger in seiner Farm in Mexiko fix installiert. Er hat eine  Komposttoilette mit zwei Kammern erstellt. Eine Kammer wird während 6 Monaten benutzt, währenddessen die andere ruht. Nach Ablauf eines Jahres wird der Toilettenkompost mit dem kompostierten Küchenabfall gemischt und wöchentlich gewendet. Dies beschleunigt den Verrottungsprozess und die Bildung von keimfreien Humus.

*Bauen mit Erde/Lehm

Wir machen eine Adobe Mischung mit fermentiertem Lehm, Sand, getrocknetem Heu und Wasser. Diese Mischung benutzen wir um einen kleinen Brot-Backofen zu bauen. Pablo ist gelernter Bäcker und Backofenbauer. Er hat bisher über 80 Holz-Backöfen gebaut. Hier hat er mehrere Backöfen, darunter einen sehr grossen in der Gemeinschaftsküche, der so gross ist, dass er gleichzeitig 12 Brote backen kann. Nicht nur dass dieser Holzofen so gut wie kaum Holz benötigt. Nein, er kann während des Brotbackens gleichzeitig noch eine riesige Pizza zubereiten und somit die verwendete Energie doppelt nutzen. Während des Winters kann er gar einen dritten Nutzen erzielen, dann wärmt der Ofen den Gemeinschaftsraum während des Backens auf.

Dieselbe Adobe Mischung eignet sich auch zum Hausbau, was wir aber in diesem Kurs nicht weiterverfolgen.

*Wassergewinnung durch Sammlung von Regenwasser

Wie wird das Wasser keimfrei in einer Zisterne aus Ferrozement während eines Jahres aufbewahrt? Wie muss das Wasser gefiltert werden um es trinkbar zu machen? Ein wichtiges Thema, das uns von Holger erklärt wird anhand seiner Erfahrungen Zuhause. Bei ihm dauert die Regenzeit 3 Monate, während dieser Zeit muss er das Wasser sammeln für die Trockenzeit.

*Wiederverwendung von Grauwasser

Kann man Grauwasser wieder verwenden? Wie wird das Wasser gereinigt, welches zum Duschen oder zum Waschen benutzt wurde, damit es zum Bewässern von Pflanzen und Bäumen wieder verwendet werden kann? Holger kann uns zu diesem Thema wertvolle Tipps geben, die er in seiner Farm anwendet.

*Essbares „Unkraut“

Fernando zeigt uns die essbaren wildwachsenden Pflanzen dieser Region. Wir lernen diese zu erkennen und gehen täglich auf Sammeltour für unseren grünen Salat. Unter dem „Unkraut“ in dieser Gegend befinden sich Amaranth und Quinoa!

*Landschaft lesen

Das Thema hier ist das Beobachten und Erkennen der Landschaft und deren Möglichkeiten. Wir fahren zum Gelände einer Kursteilnehmerin und üben dort das „Landschaft lesen“. Neu für uns kommen dazu die sogenannten Schlüsselpunkte „Keypoints“, die Stellen an denen sich das Wasser bei Regen sammelt. An diesen Stellen würde man vorteilhaft Dämme bauen um zu verhindern, dass das Wasser nutzlos verschwindet.

*Kompostieren effektiv gemacht

Wir lernen über die Handhabung des Komposts. Wie kann man den Prozess der Humusbildung beschleunigen mit Hilfe von natürlichen Mitteln?

*Verwendung von Heilpflanzen zur Herstellung von Tinkturen.
Herstellung  von Seife, Shampoo, Zahnpasta auf natürlicher Basis.

Marina mischt eine Tinktur mit Heilpflanzen für einen Teilnehmer, der mit Magendarmverstimmung im Zelt liegt. Auch zeigt sie uns wie man mit Haferflocken eine hautverträgliche Seife herstellt und gibt uns die Zutaten für die Herstellung eines Shampoos mit natürlichen Mitteln.

Von Fernando bekommen wir das Rezept um Bio-Zahnpaste herzustellen.

Die Tage sind gefüllt mit wertvollen Informationen. Wir arbeiten in kleinen Gruppen, damit jeder von uns etwas beitragen kann, anschliessend tauschen wir uns mit den anderen Gruppen aus. Bei Holgers Vorträge mischt sich oft sein 10-jähriger Sohn Ilan, der mit Ergänzungen oder Einfälle die Runde bereichert. Es ist unglaublich, was ein junger Mensch, der in diesem Umfeld aufwächst, an Wissen sammelt und wie weise er ist. Wir kommen uns daneben ganz klein vor.

Wir erleben sehr lange Tage, die meistens mit einem ökologischen Filmbeitrag enden (siehe unsere neue Media Seite unter Links) oder mit viel Musik wie z.B. beim Trommeln und/oder beim Tanzen zu südamerikanischen Rythmen.

Der Kurs wird abgerundet mit einem Vortrag über Alternativ Währungen, der von einem Wirtschaftsstudenten aus Mexiko beigesteuert wird. Die Konfrontation mit der Realität in der Finanzwelt hinterlässt bei mir grosse Unsicherheit. Doch ganz fremd ist mir das Thema nicht. Schliesslich hat es eine grosse Rolle mitgespielt, warum wir uns vor einem Jahr auf diese Lebensreise begeben haben.

Wir bleiben nach dieser wertvollen Woche im „jardin“ als Volontäre. Einerseits mit der Hoffnung, dass sich die erhaltenen Informationen bald verdauen lassen. Andererseits um unseren Wünsche nachzukommen, eine Zeit lang im Grünen, fern der Grossstadt zu sein, tatkräftig anzupacken und noch mehr zu lernen.

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2 Antworten to “El Jardin de los Presentes”

  1. Schneider, Fred 04/04/2012 um 4:54 pm #

    Zurück zur natur,ich glaube euer weg ist der einzig richtige für die menschen dieser erde. Wenn ich die schweiz und die ganze welt von heute so erlebe wie sie ist, dann bin ich um so überzeugter, dass euer weg, die lebensreise und die daraus gewonnenen erfahrungen danach umzusetzen, zu leben, der richtige weg…….
    Ich grüsse euch ganz lieb und denkt immer daran, euer schutzengel ist immer bei euch

    Fred

    • avelezsun 04/04/2012 um 5:48 pm #

      Danke fürs Mut machen! wann haben wir Menschen nur den Weg verlassen?
      Ein mexikanischer Architekt sagte: „die Menschheit baut seit 5000 Jahren Häuser aus Lehm. 100 Jahre hat sie gebraucht, um dies zu vergessen.“
      wieso ist das nur geschehen? und wie kann man diesen Kurs ändern? Wir werden bestimmt einige Antworten auf die vielen Fragen auf dieser Lebensreise finden und so viele Lösungen wie möglich umsetzen. Bis bald, Mike und Ana Maria

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