vom Zelt zur Wohnung

8 Apr

Wir sind von Rosario nach Buenos Aires mit dem Bus unterwegs und stehen kurz vor B.A. im Stau eiens Streikes. Die Streikenden geben die Autobahn gegen 16 Uhr frei, so dass wir erst um 17.30 Uhr in Retiro, dem Busterminal, ankommen. Danach nehmen wir die U-Bahn (Subte), was mit grossen Rucksäcken um diese Uhrzeit eine echte Herausforderung ist. Doch wir nehmen an, dass die Subte schneller geht als das Taxi. Wir erreichen die Wohnung um 18.15 Uhr. Der Besitzer und die Maklerin sind sehr schlecht gelaunt obwohl wir sie telefonisch über die Verspätung auf dem Laufenden halten.

Die Wohnung ist sehr gut situiert in der Nähe von zwei wichtigen Hauptstrassen und zwei Subte-Linien. Das Gebäude wurde erst vor zwei Jahren fertiggestellt. Das Haus macht einen sehr guten Eindruck und ist blitzblank sauber. Es hat abends und am Wochenende einen Portier beim Eingang.  Auf dem 9. Stockwerk hat es einen Swimmingpool und eine Waschküche mit Waschmaschine und Tumbler.

Da wir keine USD haben und auf offiziellem Weg in Argentinien keine kaufen können, hatte ich bei der telefonischen Reservation die Agentur gefragt, zu welchem Wechselkurs die USD 750 zu bezahlen seien. Ich hatte mir notiert 1 USD = 4,38 ARS. Heute tut die Maklerin so, als wüsste sie nichts von dieser Abmachung und der Besitzer (ein grosser, korpulenter Mexikaner) verlangt in einem sehr unangenehmen Ton den Wechselkurs, der auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird von 4,90! Ich glaube, ich spinne und meine Gerechtigkeit fordernde Ader gemischt mit kolumbianischem Blut kommt gleich zum Vorschein. In mir brodelt es… Gleich kommt Rauch aus meinen Ohren. Er will handeln. Ich lasse mich jedoch auf keine Verhandlung ein, erkläre ihm, dass wir auf seine Wohnung nicht angewiesen sind. Entweder gilt der Mietvertrag wie vereinbart oder gar nicht.

Wir bekommen das Studio zum vereinbarten Preis, doch anfangs weiss ich nicht ob ich mich darüber freuen soll oder ob wir uns besser ein anderes hätten suchen sollen. Tage später legt sich mein Zorn nieder und ich freue mich mit Mike über unsere neue Bleibe, die den Strassenlärm unglaublich gut abhält. Die Portiers und der Hauswart sind sehr freundlich und es hat sogar Parkplätze im Innenhof, die wir bei Ankunft der Autos reservieren können – eine seltene Möglichkeit im Zentrum von Buenos Aires!

Die ersten Tage verbringen wir mit Patric. Wir haben uns viel zu erzählen. Er hatte die letzten Tage  Besuch aus der Schweiz, hat viel erlebt und kennt sich mittlerweile besser als wir uns in B.A. aus. Am Sonntag besucht uns Celeste. Sie ist für ein Wochenendkurs in die Hauptstadt gekommen. Wir gehen mit ihr und Patric in den Stadtteil Palermo, schauen den vielen Leuten beim Flanieren zu und essen am Abend zusammen im „Lo de Carlitos“ ein ursprüngliches argentinisches Restaurant. Celeste bleibt über Nacht bei uns. Sie schläft auf der bequemen aufblasbaren Matratze, die uns beim Zelten gute Dienste erwiesen hat. Am nächsten Tag muss sie wieder nach Rosario zurückfahren.

Während den folgenden Tagen widme ich mich mehr den administrativen Aktivitäten. Unter anderem schreibe ich unserem Spediteur ein Email mit der Aufforderung zur Übernahme der Wohnungskosten, die durch die Wartezeit entstanden sind. Die Firma hatte uns eine Verschiffungsdauer von ca. 30 Tagen angegeben, mittlerweile warten wir schon über 60 Tage und ein Ende ist noch nicht ganz absehbar. Ich bin sauer und enttäuscht, nicht nur weil wir schon so lange warten sondern weil es eine Zumutung ist, wie wir als Kunde behandelt werden.

Wir erhalten keinerlei Informationen von Adem, unserer Ansprechperson, weder auf welchem Schiff unser Container unterwegs ist, noch wie die Agentur in Buenos Aires heisst. Ich muss ihm mehrere Emails schreiben bis er uns endlich eine Kopie unseres „Bill of Lading“, des Ladepapieres per Email zustellt. Adem antwortet auf unsere Forderung tagsdarauf, dass er unser Anliegen der Geschäftsleitung weitergeleitet hat. Einige Tage später schreibt er eine ausführliche Absage, in der er aber auf keiner unserer Vorwürfe und Forderungen Stellung nimmt. Wir beissen also auf Granit.

Am Freitagmorgen begleite ich Patric bei seiner Wohnungsabgabe. Diese geht zum Glück problemlos über die Bühne. Nachdem wir sein Gepäck in unserer Wohnung abstellen, gehen wir gemeinsam zur „Maritima Heinlein“, der Verschiffungsagentur und zur Zollbehörde um eine Kopie unseres „Bill of Lading“ zu zeigen und um zu fragen, ob dieses Dokument so in Ordnung ist. Was wir dort erfahren ist, dass wir pro Fahrzeughalter ein Ladepapier brauchen, weil es darum geht, das unbegleitete Gepäckstück zu deklarieren. Also fahren wir mit der Subte zurück in die Wohnung um gemeinsam eine neue Email an Adem zu schreiben mit der Bitte uns am Montag zwei „Bill of Lading“ im Original und in dreifacher Ausführung auszustellen, so wie wir ihm das bereits im Januar mitgeteilt hatten. Am Abend begleiten wir Patric zum Bahnhof „Constitución“ von wo aus sein Zug nach Mar del Plata fährt, wo er die nächsten zwei Wochen verbringen möchte.

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Bis zur voraussichtlichen Ankunft unseres Autos kümmern wir uns um viele administrative Sachen wie Tagebuch schreiben, alle Fotos umbenennen und neuordnen, Blog umgestalten und  aktualisieren, Autoversicherung für Südamerika aussuchen und abschliessen, Reiseroute in Argentinien und Chile festlegen, verschiedene Navigationssysteme im Internet besorgen und austesten, Offerten für Standheizung telefonisch einholen, diverse Abklärungen bei Verschiffungsagentur und Terminal sowie unserem lieben australischen Agenten Druck machen, damit er uns die benötigten Papiere im Original zustellt bevor das Schiff ankommt.

In diesen Tagen erhalte ich die Ersatzdokumente und die Bankkarten aus der Schweiz, welche mir am 11.2. gestohlen worden waren. Vielen Dank liebe Judith nochmals für die Zustellung!

Ein wichtiges Thema was uns auf dem Magen liegt, ist die Behandlung von Mike’s chronischer  Stirnhöhlenentzündung. Soll er sich einer Operation unterziehen, wie ihm die Ärzte empfehlen? Falls er sich für eine Operation entscheidet, dann sollte diese in Argentinien stattfinden, weil die ärztliche Versorgung hier besser ist als in anderen südamerikanischen Staaten. Er klärt mit der Krankenversicherung in Deutschland ab, ob die Kosten übernommen würden. Gleichzeitig erfahren wir von neuen Bekannten, dass die chinesische Medizin bzw. die Akupunktur sehr gute Resultate erzielt in der Behandlung von Krankheiten der Atmungsorgane.

Wir suchen einen Arzt auf, der Akupunktur betreibt und werden in der Nähe der Wohnung fündig so zu sagen einmal um die Ecke. Dr. Berko Katz ist ca. 85 jährig, Dr. med, spezialisiert auf die inneren Organe. Er praktiziert seit den 70er Jahren die Akupunktur und ist seit vielen Jahren Dozent in der Fakultät für Akupunktur von Buenos Aires. Nach einem ersten Gespräch entscheidet Mike sich bei ihm behandeln zu lassen. Bereits nach der zweiten Sitzung geht die seit einem Jahr blockierte Nase auf. Sein Körper arbeitet noch lange nach diesen sechs Sitzungen. Die Kopfschmerzen verschwinden sowie der Druck auf den Ohren.

Die Tage gehen schnell um. Wir geniessen die vielen Annehmlichkeiten einer voll ausgerüsteten Wohnung vor allem die Küche und natürlich die Kaffeemaschine. Wir kaufen die Lebensmittel bewusster ein – mit möglichst keiner Verpackung. Das Gemüse holen wir beim Gemüsehändler offen. Auch das Brot und die Facturas (leckere Kaffeestückchen) werden beim Bäcker um die Ecke geholt. Ich verfolge die Nachrichten in Argentinien und Südamerika über das Fernsehen und schaue mir manchmal einen guten Film in Spanisch an. Wir nutzen den freien Internetzugang, können diverse Beiträge über Permakultur herunterladen. Das mailen oder skypen wird auch rege genutzt.

Am 5.4. läuft das Schiff „BU YI HE“ plangemäss am Hafen von Buenos Aires an und mit ihm unser geliebtes Auto. Doch es sind Feiertage und wir müssen uns gedulden bis zum Montag, bzw. bis unsere Ladepapiere aus Australien ankommen, zur Zeit befinden sie sich nämlich in Memphis, USA!… das ist wohl die Route, die Fedex benutzt von Sydney nach Buenos Aires.

Am Karfreitag machen wir einen Ausflug mit der Fähre nach Uruguay. Das herzige Städtchen Colonia del Sacramento liegt auf der anderen Seite des Rio de la Plata und ist in nur 40 Minuten von Buenos Aires zu erreichen. Wir nutzen die Chance um unser Visum auf diesem Weg zu „verlängern“ und dabei das Gemüt zu erleichtern, macht einem die Grossstadt mit der Zeit zu schaffen. Auf dem Weg zurück sitzen wir in der Fähre neben einem Schweizer Pärchen, das für einige Monate in Süd- und Nordamerika unterwegs ist. Wir unterhalten uns sehr angeregt während der Fahrt.

Als Patric nach seinem Aufenthalt am Mar del Plata zurückkommt, stellen wir in der Küche die  Luftmatratze auf, auf der er es sich bequem macht. Mit ihm erkunden wir Buenos Aires by night, gehen gutes argentinisches Fleisch essen und besichtigen den Stadtteil „la Boca“, den ich bisher noch nicht kenne.

Gemeinsam warten wir ungeduldig auf unsere Verschiffungspapiere um unsere Autos endlich auslösen zu können…

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3 Antworten to “vom Zelt zur Wohnung”

  1. Hail 26/04/2013 um 2:11 pm #

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  2. Hugo und Annemarie Gnägi 16/05/2012 um 5:38 am #

    Hola

    Ja, wie heisst es doch so schön? Wenn einer – oder auch zwei – eine Reise tut – tun……

    Alles Gute
    Annemarie Hugo

  3. Sandy Hübscher-Derungs 16/05/2012 um 5:31 am #

    liebe Ana Maria, lieber Mike
    danke herzlich, für die spannenden Erzählungen.
    Wir wünschen Euch toi toi toi mit der ganzen Auto-Geschichte – hoffen, es gibt bald gute Neuigkeiten, und es klappt alles!
    Uns geht es gut hier, Colin wächst und gedeiht prächtig :-)
    Alles Liebe und bis zum nächsten Mal, Sandy, Markus und „Klein-Colin“

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