Raritäten

21 Apr

Die erste Fahrt in der Grossstadt ist eine Herausforderung – dazu noch im Dunkeln! Nachdem wir zwei Blocks vom Terminal entfernt die Autos an einer YPF Tankstelle volltanken und den platten Reifen von Patrics Nissan aufpumpen, bringt uns das Navi sicher zu unserer Wohnung, wo wir im Innenhof Parkplätze für beide Fahrzeuge haben.

Der Magen knurrt und die Nerven sind blank von den anstrengenden Tagen.  Zu Fuss gehen wir zu dritt auf die Suche eines passenden Lokals um die Befreiungsaktion zu feiern. Wir landen in einer feinen Pizzeria an der belebten Avenida Santa Fé. Wie schön, endlich zu entspannen, die Erleichterung zu fühlen, lecker zu Essen und nette Gespräche zu führen!
Danke schön Patric für das feine Essen, für die zusammen verbrachten Tage und für das gemeinsame Bibbern, Kämpfen, Sorgen und Schwitzen!

Am folgenden Tag fahren wir mit beiden Autos nach Tigre-Benavidez ca. 50 km nordwestlich von Buenos Aires. Dort besuchen wir Lucas und seinen Vater, Fernando. Lucas kennen wir von unserem letzten Permakultur-Kurs in Capilla del Monte. Fernando ist Restaurator von Oldtimer-Fahrzeuge und Besitzer einer kleinen Werkstatt. Als Lucas während des Kurses Fotos von Dingidi sah, sagte er, dass sich sein Vater vermutlich sehr freuen würde unser „Studiomobil“ kennenzulernen.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen um Fernando um Rat zu fragen, wo wir unsere Standheizung kaufen und installieren könnten und hoffen, dass wir bei ihm passendes Werkzeug finden womit wir an Patrics Nissan handwerken können. Da ahnen wir noch nicht, dass Fernando mit Leib und Seele Schreiner, Mechaniker und Spengler ist – eben ein allround Talent, der sogar seine Häuser selber baut!

Bevor Patric sich auf den Weg nach Patagonien begibt, möchte er einige Anpassungen an seinem Fahrzeug vollbringen. Er möchte ein Holzbrett montieren, damit er im Auto schlafen kann, anstatt im Zelt auf dem Dach, weil es in Patagonien unheimlich stark windet und es bereits sehr kalt geworden ist. Apropos Zelt… das hat ganz schön gelitten als er aus der Garage in Buenos Aires rausgefahren ist. Das Garagentor ist runtergefahren bevor er draussen war und hat ihm die Konstruktion auf dem Dach verschoben! Wir hoffen, dass dies irgendwie repariert werden kann.

Fernando empfängt uns sehr herzlich, als würde er uns bereits kennen und freut sich riesig über unser Reiseprojekt sowie über die Fahrzeuge. Voller Stolz führt er uns die zu restaurierende Stücke vor, die sich in seiner Werkstatt befinden. Dies sind ein Ford One aus dem Jahre 1930 und viele andere Raritäten. Bilder sagen hier mehr als tausend Worte…

Obwohl er an Krücken geht, weil er sich vor einem Monat den linken Fuss gebrochen hat, hilft er Patric sofort mit der Instandsetzung seines Dachzeltes. Noch bevor er richtig seine Hilfe angeboten hat, hüpft er auf einer Leiter mit einem Bein hoch, demontiert die Vorrichtung, geht mit den Krücken zu seiner Werkbank, biegt das Metall zurecht und schraubt es mit Mike’s Hilfe wieder an. Eine relativ kurze Prozedur auf allen Seiten. Das Zelt sitzt wieder und funktioniert einwandfrei. Patric strahlt über beide Ohren, ist glücklich und erleichtert.

Gleichzeitig räumt Patric den Wagen aus und montiert die hintere Sitzbank raus. Lucas findet das passende Holzbrett. Alle zusammen überlegen, was die beste Konstruktion ist für die Reise. Ich helfe als Handlanger und diene als Übersetzer, bin aber froh, dass Lucas sich mit Patric und Mike in Englisch unterhalten kann und mich somit von meiner dolmetscher Aufgabe etwas ablöst.

Als dies alles erledigt ist, räumt Patric sein Gepäck auf das Dach des Nissans um. Alles muss gut befestigt werden und den optimalen aerodynamischen Platz finden: vier Winterreifen, drei  Benzinkanister, Auto-Ersatzteile, Schneeketten und vieles, vieles mehr. Mittlerweile ist schon Abend und wir alle sind hungrig. Lucas und ich gehen einkaufen und bereiten eine Art Pizza in der Pfanne zu. Der kleine Imbiss schmeckt allen.

Fernando ist erschöpft. Die körperliche Arbeit mit Krücken muss unheimlich anstrengend sein. Er verabschiedet sich und fährt nach Hause… Ja, er fährt! Da er den linken Fussballen nicht abstützen darf, hat er, um das Fahren zu ermöglichen, eine Holzlatte auf die Kupplung befestigt, welche er mit der Hand bedient – und wie gekonnt! Not macht erfinderisch und die Dorfpolizei drückt ein Auge zu. Man kennt sich eben.

Wir verabreden uns mit ihm für die nächste Woche wegen unserer Standheizung.

Nun ist grosser Abschied angesagt. Patric bleibt hier um am folgenden Tag nach Mar del Plata zu fahren während wir zurück nach Buenos Aires müssen, um die Wohnung am Montag abzugeben. Wir machen es kurz und schmerzlos, da wir hoffen, dass wir uns unterwegs wieder treffen, denn auch wir fahren anschliessend nach Patagonien, wenn auch nicht bis nach Feuerland. Alles gueti Patric, machs guet, pass uf di uf und mir blibet uf jede Fall in Kontakt!

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Die Wohnungsabgabe verläuft unproblematisch, schliesslich haben wir die Wohnung picco bello sauber gemacht. Der korpulente Mexikaner ist zufrieden, nachdem er sein Inventar überprüft hat und feststellen kann, dass alles vollständig und in Ordnung ist. Während wir noch einige Botengänge  in der Stadt erledigen, dürfen wir das Auto in der Garage stehen lassen. Wir gehen zu Fuss zu  Agustinas Mutter um ihre Wohnungsschlüssel zu hinterlassen, besorgen uns eine Lenksperre für das Auto und fahren mit der Subte zu Teresas Arbeitsplatz um mit ihr unsere letzten Euros zu tauschen, da sie diese auf ihrer baldigen Europareise gut gebrauchen kann.

Am selben Nachmittag fahren wir endlich aus der Stadt zu Fernandos Werkstatt, wo wir wider Erwarten fast zwei Wochen verbringen! In der ersten Woche besorgen und installieren wir gemeinsam mit Fernando die Standheizung, für die wir mittlerweile sehr glücklich sind. Wir wohnen in unserem „Studio“ bei ihm im Innenhof und testen gleich die Vorzüge der Heizung an kalten Herbstnächten.

Die Arbeiten gehen nicht nur durch Fernandos Fussbruch etwas langsam voran. Nein, Mike hat sich am zweiten Tag den Fuss in der Werkstatt verstaucht und humpelt gemeinsam mit Fernando durch diese.

Am Sonntag besuchen wir mit Lucas die Umweltmesse in Buenos Aires. Dabei begegnen uns einige neue Freunde, die wir an den Permakultur-Kursen kennengelernt hatten. Dies wird zu einem erfreulichen Wiedersehen – welch ein schönes Gefühl, in dieser Grossstadt so viele nette Menschen zu kennen!

Die zweite Woche vergeht genauso schnell, da noch einige Reparaturen zu erledigen sind. So wird z.B. die Kotflügel-Beule von Fraser Island professionell ausgespenglert, ein Riss im Luftfilterhalter  wird zugeschweisst, die Hupe wird ersetzt, die Gelenke werden abgeschmiert und die defekte Schaufel repariert. Wir impregnieren das grosse Zelt von innen und aussen, packen diverse Gegenstände im Auto um und helfen Fernando zusammen mit Lucas die Werkstatt umzuräumen und sauber zu machen.

An einem schönen Tag fahren wir mit Lucas nach Tigre und nehmen ein Boot um durch das grösste Delta zu fahren. Wir sind bezaubert von dieser Gegend, die im Gegensatz zur Stadt grün und ruhig ist. Unglaublich schön und doch so nah. Auf einer der vielen kleinen Inseln besitzt Lucas Tante ein Stück Land. Dort auf der Wiese picknicken wir und geniessen die Natur und die Ruhe.

Sehr bereichernd sind die Gespräche mit Fernando über die Situation des Landes. Er klärt uns auf, was Argentinien aktuell bewegt und liefert uns die Geschichten hinter den Schlagzeilen. Auch erzählt er uns von seinen Fahrten nach Patagonien, als er ein Transportunternehmen besass oder zeigt uns Fotos und gibt uns Tipps wohin wir fahren sollen.

Ich kümmere mich jeweils um das Einkaufen und die Zubereitung des Essens ausser am letzten Abend. Zum krönenden Abschluss besorgt Mike Kassler, deutsche Bratwürste und Sauerkraut beim Deutschen Metzger und bereitet ein super leckeres Deutsches Essen zu, zu dem es selbstgemachten Kartoffelstock gibt und einen feinen argentinischen Malbec.

Am Samstag kommt schliesslich der Abschiedstag. Fernando gibt uns alle seine Kontaktmöglichkeiten und sagt, wir sollen uns melden, falls wir seine Hilfe brauchen. Wir sind bewegt und sehr dankbar von seiner grossartiger Hilfe, Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Wieder einmal durften wir wunderbare Menschen kennenlernen. Mit Tränen in den Augen – nicht nur bei uns, verabschieden wir uns mit dankbarem Herzen von Lucas, seinem Vater und Gaspar.

Na, und wer ist wohl Gaspar???

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4 Antworten to “Raritäten”

  1. Claudia und Michele Lorusso aus der Schweiz 31/05/2012 um 9:30 pm #

    Hallo Ihr Beiden Ana und Mike

    Es ist wunderbar was Ihr auf Eurer Reise erlebt und wir geniessen die ausfürlichen Berichte.
    Bei uns vergeht die Zeit viel zu schnell aber das Wichtigste ist, dass wir Alle gesund sind, sonst könnten wir Eure lehrreichen und extrem spannende Berichte gar nicht lesen.
    Wir geniessen in der Schweiz das endlich stabile Wetter und sind über Pfingsten ins Entlebuch/Emmental gefahren. Dort haben wir den neuen Fabrikladen von Kambly in Trubschachen genossen. Unsere Kleinen konnten sogar selber bachen und auf einer Weltkugel haben wir Laura und Fabio gezeigt wo Ihr gerade seid.
    Ich glaube, dass es auch in Argentinien die Weltberühmten Kambly Brezel zu geniessen gibt. Wenn Ihr das macht, dann denkt bitte an uns.

    Auf Jedenfall kann ich Euch sagen; es gibt auch hier in der kleinen Schweiz verdammt schöne Ecken zum geniessen und wenn dann die Kleine Bauerntochter (7Jahre alt) uns den Weg beschreibt, indem sie sagt: da geits linksache, da wird uns richtig Bewusst wie Urchig und Schön es bei uns auf dem Land ist, mit diesen netten Begegnungen.

    Ich sage immer: Wenn die Welt von unseren Kindern regiert würde, dann wäre Alles noch in Ordnung. Leider ist es nicht so aber wir könne von unseren Kinder Viel lernen.

    Wir bewundern Euch und lasst Euch sagen; Es ist ein grosses Privileg Euch zu kennen und Eure Erlebnisse lesen zu dürfen.
    Als Ihr bei Fernando in der Werkstatt seine Grosszügigkeit erfahren durftet und ich die Fotos der Oldtimer gesehen habe, da wäre ich am liebsten zu Euch gekommen um Hand anzulegen.Ich denke, dass Fernando und seine Raritäten auch ein grosser Glücksfall auf Eurem Weg war.Hat er schon einmal abgeklärt welchen Wert seine Oldtimer auf dem Markt haben ? Gewisse Modelle sind ja Weltweit gesucht.
    Ich hätte noch Vieles zu erzählen aber es ist schon früh, spät geworden. Morgen ist wenigstens Freitag.

    Lieber Mike, wir bräuchten einmal Deine Hilfe betreffend Norton Schutzeinrichtung da wir seit einiger Zeit die Meldung für das Update erhalten. Nun frage ich Dich ob Du es mit der Fernwartung noch im Griff hast oder schon verlernt hast ? :-))
    Wenn Du es für uns einrichten kannst, dann wären wir Dir sehr dankbar.

    Bei Nahe hätte ich das vergessen: Falls Ihr auch nach Venezuela reist, dort haben wir auch noch Verwandte in Caracas. Wenn ja dann gibt uns einfach Bescheid.

    Wir wünschen Euch auf Jedenfall Viel Glück für die weiteren Etappen und hoffen schon bald von Euch zu lesen.

    An einem Vortrag von Evelyne Binsack habe ich Ihre Reise mit dem Bike von der Schweiz zum Südpol über Patagonien erlebt. Das war sehr eindrücklich und extrem !!

    Wer weiss, vielleicht treffen wir uns auf unserer Reise Ende Jahr 2012.
    Mal schauen wo Ihr dann seid.

    En liebe Gruess
    Claudia ,Michele und Familie.

    Als Ihr da

  2. Thomas & Stefan 28/05/2012 um 6:40 am #

    Nun geht das Abenteuer endlich weiter! :-) Wir wünschen Euch dabei eine tolle Zeit – wir freuen uns auf jeden Bericht :-)

  3. Judith 26/05/2012 um 3:08 pm #

    Hallo liebe Ana Maria es ist immer wieder wunderbar Deine interessanten, ausführlichen und spannenden Berichte zu lesen – so oft habe ich das Gefühl, auch etwas dabei zu sein. Vielen Dank dafür und alles Gute für Dich und Mike – liebe Grüsse Judith

  4. Beat Baumann 26/05/2012 um 2:14 am #

    Hallo ihr zwei es ist einfach wunderbar eure Berichte zu lesen , mann möchte gleich losfahren . Hoffe euch geht es gut .Liebe Grüsse Beat y familia

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