Straßengraben

7 Mai

Strassengraben oder Quer durch Patagonien wie Ana Maria den Titel bezeichnen würde.
Heute fahren wir direkt nach dem kleinen Frühstück (es gab Kornflakes) aus dem Campingplatz zu einem weiteren Aussichtspunkt der Reserve, welcher sich in der Nähe des Informationscenters befindet. Die Piste lässt sich, trotz einiger Löcher aber sehr gut befahren.

Leider fast umsonst, da sich wohl fast alle Vögel welche man hier zu sehen bekommen soll, schon auf und davon gemacht haben. Auch auf der gegenüber liegende Insel ist nicht mehr viel los.

Recht haben sie, mir ist es auch zu kalt hier. Dafür dürfen wir die sehr sauberen Toilleten hier für unsere hygenische Bedürfnisse nutzen. Da wir weiter als gedacht vom Informationscenter entfernt sind, fällt das Internet aus und wir machen uns auf dem direkten Weg Richtung Puerto Madryn.

Die Hafenstadt Puerto Madryn liegt etwa 80 km von der Peninsula Valdés entfernt. Obwohl die Stadt mit ihrer Infrastruktur für den argentinischen Tourismus ausgelegt wurde und in der Hochsaison bestimmt überfüllt ist, schreckt sie uns nur ab. Sie besitzt wenn überhaupt nur wenig Flair und zeigt uns eher ihre hässliche Seite. Die argentinische Regierung holte vor vielen Jahren die Industrie nach Patagonien indem sie Anreize anbot wie z.B. Steuerfreiheit oder günstigere Benzinpreise. Und das bekommen wir am Stadteingang direkt zu sehen.

Industrieanlage neben Industrieanlage und ein abschreckender Containerhafen begrüssen uns als erstes. Ja, hier wird deutlich, dass alles aus der Hauptstadt per Containerschiff oder LKW hierher transportiert wird, inklusive aller Rohstoffe, die die Industrie benötigt, da es hier nichts gibt. Die Lebensbedingungen sind in der Umgebung harsch, die Erde zum Teil sehr trocken, da der Wind sehr stark bläst. Bodenschätze- Fehlanzeige. Hier gibt es nix, wirklich nix außer dieser künstlichen Stadt.

Ich frage mich in solchen Momenten, ob wir wirklich eine intelligente Rasse sind und ob es nicht vielleicht doch besser wäre, für die restlichen Beteiligten, dass wir, von der Bildschirmfläche verschwinden. Ich weiss, das ist wirklich starker Tobak und ich selbst bin definitiv nicht als Öko zu bezeichnen, aber das sind die Dinge, die mir bei einem solchen Anblick in den Sinn kommen. Klar habe ich früher schon den Müll getrennt und versucht langlebige Möbel und andere langlebige Artikel zu kaufen. Aber mich als Öko zu bezeichnen, also als jemanden mit selbst gestrickten Pullover, Ledersandalen und ständig nur mit dem Fahrrad unterwegs, nein definitiv nicht.

Mir ist bewusst, dass der Umweltschutz in vielen anderen Ländern nicht so ernst genommen wird wie in Deutschland,  der Schweiz oder in ein paar anderen Industriestaaten. Aber was ich auf dieser Reise zu hören und sehen bekomme, beschäftigt und verändert mich sehr und lässt mich mein Verhalten kritischer hinterfragen als zuvor. Es liegt vermutlich daran, dass wir auf dieser Reise nur mit uns und unserer Umwelt beschäftigt sind und der alltägliche Wahnsinn, wie zur Arbeit hetzen, Stress auf selbigen oder mit Kollegen, Kunden oder gar dem Chef entfällt, dass der eigene Fokus sich so verschieben kann. Es gibt natürlich noch 1000 andere Dinge, die dazu führen, dass man sich um alles andere kümmert als das was einen wirklich interessiert und das ist schade.

In den Nachrichten wird selbstverständlich von allen möglichen Katastrophen berichtet und Wochenlang zerkaut, wie z.B. Fukushima oder die Ölplattform Deepwater Horizon vor dem Golf von Mexiko und was bleibt ? Nicht viel, wenn man ehrlich ist. Nach ein paar Tagen ist das alles vergessen,wie z.B. Tchernobyl, was mit Sicherheit auch was gutes hat. Aber diese Reise hat es für Ana Maria und mich in sich. Im Dauerfeuer werden wir mit menschlichen Fehlverhalten konfrontiert und sind viel enger mit der Natur verbunden, als wenn wir am Wochenende einen Spaziergang im Wald machen. In unserem kleinen zur Verfügung stehenden Raum, fällt der täglich entstehende Abfall schnell auf. Auch die resultierende Entsorgungs-Problematik wird einen ganz schnell bewusst.

Das eigene Verhalten wird einem hier täglich schonungslos aufgezeigt, welch hässliches Bild. So müssen auch wir leider diese Stadt in Anspruch nehmen und kaufen für unsere Weiterfahrt Vollkornbrot, etwas Gemüse und Milch und tanken günstigen Diesel und füllen unseren Wasservorrat wieder auf, denn auf den nächsten 650 km gibt es praktisch nichts ausser Natur und ein paar kleine Dörfer.

Unsere Route geht quer durch Patagonien vom Meer zu den Anden. Ursprünglich wollten wir nach Feuerland und an „Das Ende der Welt “ mit dem weltweit letzten wachsenden Gletscher, aber aus verschiedenen Gründen lassen wir es bleiben. Mein Hauptargument  „2500 km Fahrt zu einem kalten Gletscher an dem ich definitiv nicht leben möchte, ist ökologischer nonsens“. So ist unser nächstes Ziel in Patagonien die Gegend von El Bolsón, wo die ökologische Bewegung sich verwurzelt hat.

Ich alte Frostbeule werde wohl auch da nicht wohnen wollen, aber vielleicht dürfen wir dort wieder etwas dazu lernen. Bevor wir die Stadt endgültig verlassen, versucht Ana Maria noch etwas Geld aus dem Bankomat zu bekommen, ohne Erfolg. Auch bin ich erfolglos als ich mich bei der Herausfahrt aus der Stadt mit einem anderen Wohnmobil anlege. Das heißt, er hupt wie wild, weil ich mich nicht ganz korrekt den Straßenentechnischen Anforderungen gemäß verhalte. Ist es denn meine Schuld, wenn die ihre Verkehrsschilder so spät aufstellen? Wenn es gekracht hätte bestimmt !!! Aber alles ist gut gegangen und wir sind wohl auf und gegen 15:30 Uhr auf der Ruta 4.

Kaum auf der Ruta 4 angekommen, fühle ich mich nach Australien versetzt. Nicht nur dass die karge Vegetation mit ihren Büschen und sandigem Boden sehr ähnlich ist, nein, die Wellblechpiste versetzt mich sofort in die Kimberleys mit ihrer Gibb River Road. So fahre ich mit 60 bis 70 Km\h über die Schotterpiste und bin sehr konzentriert, da auch hier alles Mögliche auf der Fahrbahn, wenn man die so nennen darf, auftauchen kann. Es kommen mir bei der zweieinhalb stündige Fahrt zwar nur 3 Fahrzeuge entgegen, aber dafür gibt es diverse Steine und riesige Löcher auf der Strasse, so wie wilde Pferde, Guanacos und sogar ein ñandú  (selbe Familie wie das Australische Emu ).

Unser nächster Stopp heißt Straßengraben. Nein, Nein, nicht was ihr jetzt denkt. Wir haben einen Platz kurz hinter einem Hügel gefunden und sind somit nur von einer Fahrseite aus zu sehen. Aber kaum sind wir am Umräumen, fährt der erste auch schon vorbei. Ich zähle insgesamt 13 Fahrzeuge in der nächsten halben Stunde, 10 von vorne, von wo man uns sehen kann und 3 von hinten. Schon verrückt, auf der ganzen Fahrt nur 3 Fahrzeuge und dann plötzlich so viele. Tja, das nennt man wohl auch hier Feierabendverkehr. Nach dem Abendessen herrscht aber wieder Ruhe und das beibt auch während der Nacht so.

Unser Schlafplatz direkt neben der Straße ist bei Tage betrachtet nicht wirklich schön, aber ruhig und angenehm war er alle Male und wohnen wollen wir ja nicht an dieser Stelle. So packen wir nach dem Frühstück gleich unsere 7 Sachen, oder waren es doch eher 150 ??? und fahren weiter zum nächsten Dorf.

Dort wollen wir ggf. Facturas oder Brötchen und weiteres Gemüse einkaufen, sowie an der Tankstelle unseren Toilettengang verrichten. Aber alles hat geschlossen, sogar die Tankstelle. Es ist Sonntag und das nimmt man wohl hier draußen wirklich als Ruhetag. Ana Maria bezweifelt allerdings dass die Läden hier tatsächlich unter der Woche auf haben. So machen wir uns auf den Weg zum nächsten Dorf und dürfen feststellen, dass hier trotz der modernen Betonhäuser die selbe Ruhetags Mentalität vorzufinden ist.

Die wenigen Menschen auf der Straße nehmen nicht mal Notiz von uns und eine Tankstelle hat es auch nicht. Wir fahren an den Ortsausgang und stärken uns mit Obst und Keksen für die Weiterfahrt. Je weiter wir fahren, desto öfters verliert das Navigationssystem die Straße. An diversen Verzweigungen müssen wir „Rate mal mit Rosental“ spielen und nach Gefühl entscheiden.

Kurz nach einer Verzweigung kehre ich um, da uns das Gefühl beschleicht, dass wir uns auf Privatbesitz befinden. Doch kaum zurück an der Kreuzung und auf dem neuen Weg, scheint uns dieser erst recht völlig verkehrt. So beschließen wir die Fahrt durch das Privatgelände und stellen nach 60 km fest, dass wir richtig entschieden haben. Unser Navigationssystem hat uns wieder gefunden.

Der Regen allerdings auch. Es hat die letzten Stunden immer mehr zugezogen und jetzt fängt es nach dem starken Wind auch noch an zu nieseln. Wir beschließen wieder neben der Straße stehen zu bleiben und finden einen schönen Platz vor einem  natürlichen Wall.

Ich klettere etwas unbeholfen, da mein Fuss immer noch nicht 100% einsatzfähig ist, über den Wall um zu prüfen ob die andere Seite sich besser eignen würde um dem Wind zu entgehen. Aber nein, der Wind fährt hier genauso durch die Prärie, wie auf der anderen Seite.

Aber dafür finde ich einige Knochen und Schädel von diversen Tieren. Sehr skurril und absulut passend, wie ich finde.

Es ist noch früh und somit auch hell und wir sind von weitem zu sehen in dieser doch recht flachen Gegend. Erst jetzt fällt uns auf, dass wir seit dem letzten Dorf nicht einem Menschen begegnet sind und das ist sicher über 4 Stunden her.

Ana Maria macht sich weiter Sorgen wegen dem Wind, da unser Popup Zelt nicht Orkansicher ist. Aber kaum ist die Sonne am untergehen, lässt der Wind auch schon nach und wir genießen die Ruhe und die Himmelsröte. Nach den Spagetti mit Tomatensoße fallen wir beide schnell in unsere getrennten Betten und schlafen ohne Störungen bis zum Morgen durch.

Für die ganz Neugierigen unter Euch:
Ana Maria schläft oben im 1,35 Meter breiten Ausziehbett und ich unten auf der 0,95 Meter breiten umgebauten Tisch-Sitzbank Kombination. Wir schlafen schon seit den Kimberley so, da wir so mehr Komfort haben. Ana Maria wird bei jeder Drehung von mir wach und ich wiederum habe Hüft- und Beinschmerzen vom zu wenigen Drehen in der Nacht. Anfangs dachte ich, es wäre die neue Situation, dann die durchgelegene Bettmatratze, aber diese hatten wir ja in Broome gegen eine neue getauscht. Bis wir heraus fanden, dass, wenn ich alleine oben oder unten schlafe, die Schmerzen weniger bis gar nicht vorhanden sind. Einzig wenn ich im Schlafsack nächtige, in dem ich auch weniger Beinfreiheit habe, oder es kälter wird, sind die Schmerzen wieder da. Allerdings weniger als beim gemeinsamen Schlaf auf dieser doch sehr engen Räumlichkeit. Wie auch immer, so hat jeder zumindest Abends und in der Nacht sein eigenes kleines Reich.

Nach unserm Müsli mit frischen Äpfeln und anschließenden Toilettengang in freier Natur packen wir schnell unsere Sachen und fahren ohne einer Begegnung ins nächste Dorf. So hatte ich mir Australien vorgestellt und wurde leider ein wenig enttäuscht. Aber hier in Patagonien kann man wirklich Einsamkeiten auf Straßenrouten erleben, einfach herrlich.

Das nächste Dorf wäre nicht wirklich erwähnenswert, wenn nicht ein kleiner Bach hindurch fließen würde und sich die Vegetation dadurch rapide ändert. Es sind wieder Bäume zu sehen und auf dem Weg zur nächsten Stadt die Monokulturen von Fichtenwälder.

Aber das Grün tut den Augen und der Seele gut. Wir fahren jetzt bergauf und bergab durch die bunten Wälder kurz vor El Bolsón.

Bevor wir aber in El Bolsón eintreffen, kommen wir in die Stadt El Maitén. Sie ist wohl für viele im Sommer der Urlaubsort schlecht hin. Es gibt etliche Campingplätze hier in Flussnähe und die Strassen hier sind sogar teilweise geteert. Wir versuchen hier zu tanken, aber entschliessen uns bis  El Bolsón zu warten, da der Preis uns zu hoch erscheint. Und noch können wir gut und gern 500 km ohne Probleme fahren. Also weiter gehts nach El Bolsón.

aber das ist wieder eine andere Geschichte …

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2 Antworten to “Straßengraben”

  1. Thomas & Stefan 25/07/2012 um 6:59 am #

    Wow, super-schöne Landschaftsbilder – und Ana Maria’s Ausdruck beim Anblick der zwei klitze-kleinen Kürbissen im Einkaufswagen – unbezahlbar *lach*

    • mdvmoon 14/09/2012 um 12:22 pm #

      Hi Ihr beiden

      ich finde es klasse das ihr uns auf unserer Reise weiter begleitet. Ich hätte da noch ein paar andere tolle Fotos mit Ana Maria, aber ich muss vorsichtig sein, hab noch ne lange Reise mir ihr vor mir ;-)
      bis bald
      Mike

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