BioTour durch Patagonien

10 Mai

Das Leben ist sehr spannend. Auf der Suche nach einer Übernachtungs-möglichkeit in El Bolsón landen wir ohne es zu wissen dort, wo der diesjährige Kurs über Biobauen im März 2012 stattgefunden hat! Aber wie kommen wir dazu?

In der información turistica erkundigen wir uns über die Ausflugs-möglichkeiten in der Region sowie über die vorhandenen Campingplätze. Letztere gibt es mehrere Dutzend in dieser Ortschaft. Nur sind viele geschlossen, da die Saison vorbei ist und bald der Winter anfängt. An der Hauptstrasse halten wir bei der grössten Brauerei in der Region an, die einen grossen Campingplatz hat. Am Empfang hängt ein Zettel mit einer Telefonnummer. Niemand ist hier. Die Brauerei ist montags geschlossen.

Wir lassen uns vom Gefühl leiten und fahren weiter zu einem Park ausserhalb des Dorfes wo wir umgeben von Bergen sind. Hier finden wir „Camping La Cascada“, einen Campingplatz mitten im Grünen. Wir werden gleich von zwei Hunden empfangen und von einer netten jungen Frau, die am Akzent nach aus Frankreich stammt. Sie sagt uns, dass sie geschlossen haben, weil der Besitzer am Umbauen ist. Da es bereits anfängt zu dämmern, frage ich sie, ob wir nicht trotzdem die Nacht hier bleiben dürfen? und… sie zuckt mit den Schultern und sagt ja. Sie führt uns zu den Stellplätzen, öffnet für uns das schöne Toilettenhaus, macht das Licht an, kommt später mit einem Zettel zum Einchecken und sagt uns, falls wir etwas benötigen, sollen wir einfach ins Haus kommen.

Am darauffolgenden Morgen kommt der freundliche Besitzer Pablo zu uns und lädt uns zum Mate Trinken ins Haus ein. Auf dem Weg dahin sehen wir kleine Hütten liebevoll aus Holz gemacht sowie andere sich in Bau befindenden Hütten, die mit Adobe hergestellt werden. Wie wir erfahren, hat hier im März der Kurs über Biobauen stattgefunden, den ich so gerne besucht hätte. An dieser Stelle muss ich vielleicht erklären, dass sich in El Bolsón ein wichtiges Zentrum für Permakultur befindet und dass die ökologische Bewegung in Patagonien ihren Ursprung hier hat.

Pablo ist in dieser Gegend gross geworden. Er erzählt uns über sein Leben, wie er Mitte 40 seinen gut bezahlten Job in einer Bank quittierte, weil er keine Befriedigung mehr daran fand. Als Vater von drei schulpflichtigen Kindern ist ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen. Das Grundstück auf dem wir uns befinden, hatte er einige Jahre zuvor gekauft, doch als er seinen Job an den Nagel hängte, hatte er keine Ahnung, wie er sein Leben weiterhin bestreiten würde.

Seither baut er in Eigenregie diesen Campingplatz aus. Doch der Ort ist weit mehr als ein Campingplatz. Er hat einen Biogarten errichtet in dem alles Mögliche kreuz und quer wächst von Tomaten über Rüben, Erdbeeren, Rote Beete, Lauch, Kohl, Spinat, Zwiebel, Gewürz- und Heilkräuter, Salate uvm. Die Ernte reicht um seine Familie und die helfenden „wwoofers“ zu ernähren, die wie die uns empfangende Französin, eine Zeitlang hier leben. Der Garten steht auch den Gästen des Campingplatzes zur Verfügung. Man darf sich hier einfach bedienen.

Pablo hat viele Ideen und Pläne für sein Grundstück, so will er z.B. die Wasserkraft vom Flüsschen nutzen, das durch das Land fliesst, um Strom herzustellen. Er zeigt uns das ganze Areal. Da er keinen handwerklichen Beruf erlernt hat, macht er alles nach Gefühl und mit Hilfe von Büchern oder anderen Menschen. Von Mike möchte er wissen, ob er als gelernter Elektriker denke, dass er genügend Strom aus dem Fluss holen könne für die Betreibung des Campingplatzes. Ich helfe beim Übersetzen, was mir sehr schwer fällt, da mir die Fachbegriffe nicht geläufig sind. Doch irgendwie können sich die beiden verständigen.

Wir haben die Zeit vergessen bei so interessanten Themen wie Naturbau, alternative Energie oder organischer Gemüseanbau. Es ist kurz vor 16 Uhr und sein Sohn wartet seit Stunden auf ihn um an der Erweiterung der Küche weiterzuarbeiten. Falls wir drei oder vier Tage hier bleiben möchten, sagt er, würde er für uns den Warmwasserboiler anwerfen. Wir überlegen und entscheiden uns nur eine weitere Nacht zu bleiben, denn wir möchten verschiedene Projekte in der Gegend besichtigen. Ausserdem haben wir bis Ende Mai Zeit um nach Santiago de Chile zu kommen und der Weg dahin ist noch weit.

Die Gegend ist grün, die Bäume leuchten wunderschön in herbstlichen Farben. Wir spazieren zur Cascada Escondida (dem versteckten Wasserfall) und geniessen die erholsame Aussicht. Danach bereiten wir das Nachtessen im Auto zu. Pablo verabschiedet sich und fährt nach Hause. Er wohnt mit seiner Familie im Dorf. Die Französin, die in Frankreich als Sozialarbeiterin tätig ist, fliegt morgen nach einem mehr monatigen Aufenthalt wieder zurück. Sie will im Sommer wieder zurückkommen, weil es ihr hier einfach so gut gefallen hat.

Bevor wir am darauffolgenden Tag wegfahren, gibt uns Pablo wertvolle Adressen, denn er kennt  einige Menschen in der Gegend, die in der argentinischen Öko-Szene eine wichtige Rolle spielen. Pablo ist ein herzenslieber Mensch, der uns mit seiner optimistischen und unbeschwerten Art Mut macht. Er ist davon überzeugt, dass man auf dem Weg geführt wird und man die richtigen Menschen trifft. Er ist nicht erstaunt, dass wir bei ihm gelandet sind. Wir auch nicht!

Auf seine Empfehlung besichtigen wir das Projekt CIESA, ein Hof für biointensiven Gemüseanbau. Ich würde gerne etwas über diese Anbaumethode kennenlernen, die verspricht, auf organischer Basis und mit Verwendung von weniger Wasser, bis zu vier Mal mehr Ertrag zu erwirtschaften ohne den Boden auszulaugen sondern ganz im Gegenteil, den Boden mit Nährstoffe bereichernd. Ohne Voranmeldung fahren wir dort vorbei und haben Glück, dass Fernando Pia, der Gründer persönlich anwesend ist. Er hat die ersten Minuten nur Augen für unser Fahrzeug und würde am liebsten gleich damit seine Reise durch Südamerika starten.

Schlussendlich schaffen wir es doch, das Gespräch auf biointensives Anbauen zu lenken. Er entschuldigt sich, dass er wenig Zeit hat, weil er in Kürze Gäste erwartet, trotzdem führt er uns in seine Bibliothek, wo er uns etwas über die Geschichte von CIESA erzählt. Fernando ist Agraringenieur und hat über 30 Jahre Erfahrung mit organischer Agrarwirtschaft. Seine im Jahre 1994 in den USA erworbenen Kenntnisse über biointensives Anbauen, setzt er seither nicht nur in Patagonien erfolgreich um.

Seine Lehren ermittelt er in dreitägigen Werkstatt-Kursen, auf verschiedenen Ebenen, d.h. für Anfänger und Fortgeschrittene. Aufgrund der langjährigen Erfahrung mit dieser Methode bestätigt Fernando, dass wenn eine Person zwei Stunden täglich im Garten arbeitet, diese auf nur 150 m2 Nettofläche innerhalb eines Jahres eine Menge von 600 bis 1400 kg Gemüse produzieren kann!

Leider finden momentan keine Kurse statt, Fernando hat aber einen Anfängerkurs in Chile in Aussicht. Er nimmt unsere Personalien auf und verspricht sich per Email bei uns zu melden, falls in den nächsten Wochen etwas zu Stande käme. Wir erwerben das von ihm geschriebene Buch Huerta Orgánica Biointensiva und die dazu gehörende DVD sowie Äpfel und Gemüse aus seinem Anbau. Dann zeigt er uns kurz einen Teil des 2500 m2 Gartens und lässt uns den restlichen Teil in Eigenregie unter die Lupe nehmen.

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Im Zentrum von El Bolsón finden wir in einer ferreteria endlich das Gitter, das Mike schon lange sucht als Schutz gegen Steinschlag für die Scheinwerfer. Wer sagts denn. Das Dorf hat einen anständigen Handwerkerladen! An der YPF-Tankstelle nutze ich in der Cafeteria den freien Internetzugang während Mike die zwei Gitter am Rammschutz befestigt. Ich stelle einen Bericht online und verschicke eine Email an Patric, der sich in der Umgebung befinden sollte, in der Hoffnung, ihn wiederzutreffen. Und wir erhalten die Zusage vom Bio-Bauernhof, dass wir sie auf dem Weg nach Bariloche besuchen dürfen.

El Bolsón ist ein touristisches Dorf mit schönen Lokalen im Zentrum. Gerne würden wir etwas Typisches aus der Region essen, doch die meisten Restaurants sind geschlossen. Da die Argentinier wie die Spanier Spätesser sind, warten wir etwas ab, ob sie später aufmachen und trinken währenddessen in einem Pub ein gutes lokales Bier. Brauereien hat es viele hier, vermutlich weil ab  den 20-er Jahren so viele Deutsche zugewandert sind? Eine Stunde später versuchen wir unser Glück bei unserem Erste-Wahl Restaurant, das trucha (Forelle) und Fleischspezialitäten anbietet. Doch es ist leider noch immer zu.

Wir sind etwas nervös, da wir unser Fahrzeug nicht gerne aus den Augen lassen. Besonders nicht, wenn einem Schilder vor Diebe warnen und davor keine Wertgegenstände im Auto liegen zu lassen, was für uns schwierig ist, haben wir doch unser „rollendes Studio“ dabei. Wir hoffen, dass sich in der gut beleuchteten Nebenstrasse Keiner ans Auto wagt und beeilen uns zur Pizzeria um die Ecke, welche ab 20 Uhr offen hat. Die Bedienung öffnet für uns die noch verschlossenen Türen und sagt, dass die Köchin noch nicht da ist, wir können uns aber einen Platz aussuchen und auf sie warten, falls wir wollen? Aber wir haben Hunger! Also wählen wir ein anderes Lokal an der Hauptstrasse.

Dort werden wir gleich bedient. Uns wird die Spezialität des Tages schmackhaft gemacht: Kalbfleisch mit einer Käsesauce und Kartoffeln an einer besonderen Art. Netterweise empfiehlt uns der Ober ein halbes Menü für mich zu nehmen, da die Portionen sehr gross sind. In der Tat kann ich nicht mal die halbe Portion aufessen. Drei Wienerschnitzel werden mit dünn geschnittenen Pommes serviert und die Käsesauce ist sehr nahrhaft. Das Essen schmeckt gut, doch das typische Menü aus Patagonien hatte ich mir anders vorgestellt. Ja Nu, das ist eines der Nachteile ausserhalb der Saison unterwegs zu sein. Wir lassen uns zwei Schnitzel einpacken, bezahlen 110 ARS (24 CHF) für beide Menüs, ein Bier und ein Cola und machen uns auf dem Weg zum Auto. Dort ist zum Glück alles in bester Ordnung. Wir atmen auf. Als Bleibe für die Nacht wählen wir den Parkplatz im Park von Cascada Escondida, da er auf dem Weg zu unserem nächsten Besichtigungsort liegt.

Das Permakulturzentrum CIDEP befindet sich ca. 15 km nordöstlich von El Bolsón Richtung Bariloche auf einer holprigen Strasse. In einem wunderbar gelegenen Ort mit Zugang zum Fluss gibt es ein Projekt, das von zwei staatlichen Organisationen unterstützt wird. Hier hat eine Gruppe von ökologisch Gesinnten eine Dorfgemeinschaft entstehen lassen. Das Projekt dient als Forschungs- sowie als Entwicklungs- und Schulungsort und beinhaltet alle Themen zum biologischen Wohnen im Einklang mit der Natur. Im Sommer werden hier viele verschiedene Kurse angeboten. Einige Familien wohnen über das ganze Jahr hier.

Da wir unangemeldet kommen, ist niemand auf unseren Besuch vorbereitet. Wir treffen in der Dorfgemeinschaft drei Menschen an, die uns sehr freundlich Auskunft geben und uns erlauben durch das Areal zu gehen und Fotos zu machen. Dabei werden wir die ganze Zeit von einer schwarzen Katze begleitet. Erica gibt uns einen Plan des Areals, damit wir uns zu Recht finden und schreibt unsere Namen und Emailadressen auf für ihre Infomails. Leider ist sie auf dem Sprung um den Bus nach Neuquén zu nehmen.

Wir verbringen den halben Tag hier, gehen durch den Gemüsegarten, inspizieren die verschiedenen Trockentoiletten und Solarduschen, spazieren durch den beschilderten Wald, fotografieren die verschiedenen Häuserstile und durchstöbern in der Bibliothek die vielen interessanten Büchern. Schade kommen wir nicht zur richtigen Zeit um an einer der interessanten Veranstaltungen teilzunehmen.

Bevor wir weiterfahren, platzieren wir unsere Stühle an der Sonne und essen etwas Brot, Käse und Früchte. Dann geht es weiter Richtung Mallín Ahogado und Bariloche. Wie uns Pablo erzählt hatte, haben sich hier einige Deutsche niedergelassen. Er sagte uns, dass ein Deutscher hier sein Haus mit Strohballen baue. Wir suchen auf dem Weg nach demjenigen aber werden leider nicht fündig. Schade, denn das hätte uns ebenfalls sehr interessiert.

Also nehmen wir die Ruta 40 zu unserem nächsten Rendez-Vous und bestaunen dabei die Gegend in den warmen Herbsttönen. Die BioTour durch Patagonien ist zwar noch nicht zu Ende, aber so viele Infos müssen doch verdaut werden, deshalb Fortsetzung folgt im nächsten Bericht… hasta pronto amigos!

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