Regen, Schnee und Sonnenschein

22 Mai

Chile begrüsst uns mit kaltem Regenwetter. Es ist tatsächlich so wie uns Fernando in Tigre erzählt hatte, dass die Vegetation in Chile viel dichter und grüner ist als in Argentinien. Die westliche Seite der Anden hat mehr Bäume. Ich vermute, dass dies mit der Feuchtigkeit zu tun hat, die vom pazifischen Ozean her bläst.

Die erste Nacht verbringen wir vor der Winterhütte der Alliance Française im National Park Puyehue. Bei diesem feuchten Wetter lässt uns die Standheizung tatsächlich sitzen. Mike probiert über zwei Stunden lang erfolglos sie anzubringen. Er ist sauer über den Verkäufer, der ihn überredet hat, das tschechische Produkt „Pro Heat“ zu kaufen anstelle der Eberspächer von welcher er so viele Informationen gesammelt hatte. Wir haben USD 200 am falschen Ort gespart. Und jetzt bleibt Mike nichts anderes übrig als jeden Abend beim Gerät die Dieselzufuhr einzustimmen, was oft stundenlanges Testen und Pröbeln bedeutet.

Das Thermalbad des Nationalparks Puyehue tut uns trotz des überteuerten Preises gut. Draussen regnet es, es ist kalt und alles ist nass. Wir lassen uns bei 37 Grad schön durchwärmen. Zwei Stunden später trauen wir uns in die nasse Kälte zurück, doch jetzt mit sauberen Fingernägeln ;o)

In der nächsten grösseren Stadt Osorno können wir aus dem Bankomat chilenische Pesos (CLP) beziehen und etwas Gemüse einkaufen. Nach dem Grenzübergang haben wir ja keine frischen Vorräte mehr. Dann aber flüchten wir genauso schnell aus der Stadt heraus, da uns diese in der Dämmerung gar nicht gefällt. Ich fühle mich da sehr unwohl. Dazu kommt, dass ich gar nicht gerne in Städten fahre und da ich am Steuerrad sitze, habe ich momentan das „Sagen“.

So fahren wir auf die Autobahn Richtung Norden und übernachten in der nächsten Raststätte an einer Copec Tankstelle, wo auch die Lastwagenfahrer die Nacht verbringen. Die Copec Raststätten an der Autobahn sind sehr modern eingerichtet und haben viel zu bieten wie z.B. Duschen für 500 CLP (1 CHF), Cafeteria, Bankomat, gratis WiFi und wenn man höflich fragt, bekommt auch noch heisses Wasser für den Thermoskrug – gratis wohlgemerkt!

Wirtschaftlich gesehen ist Chile im Vergleich zu Argentinien fortgeschrittener d.h. das Land hat eine  grössere Bindung zum Ausland. Man sieht die Entwicklung alleine an den Verpackungen in den Supermärkten. Die Milch wird nicht mehr in Tüten verkauft sondern im Tetrapak. Man bekommt Heinz Ketchup, Nutella, Nesquik und Haribo Gummibärchen. Ob das allerdings gut ist? Darüber lässt es sich streiten. Auf jedem Fall ist das Leben teurer als in Argentinien. Wir bleiben dabei unsere Früchte, Gemüse und Eier in Verdulerias (Gemüseläden) zu kaufen und werden verständnislos angeschaut, wenn wir die Verkäufer darum bitten uns keine Plastiktüten zu geben und stattdessen unsere Stofftaschen auspacken.

Wie sieht der pazifische Ozean hier aus? Wir unternehmen einen kurzen Ausflug ans Meer. Da aber das Wetter regnerisch und kalt ist, bleibt es dabei – eben ein kurzer Abstecher. Auffallend sind diese langen dunkelroten Teile, die wie riesige Tentakeln von Tintenfische aussehen oder doch eher wie Gummi-Schläuche? Später treffen wir diese Teile an Märkten und im Supermarkt an. Es sind Algen, die hier wohl zu einer Suppe verarbeitet werden.

Ein Tag später befinden wir uns wieder auf 1000 Meter vor dem Eingang des Nationalparks Conguillio, am Fuss des Vulkans Llaima. Man kann sich nicht satt sehen an den farbigen Wäldern, welche die Landschaft zur Zeit säumen. Grün, rot, gelb – alles gleichzeitig. Ich habe ein mulmiges Gefühl so nahe an einem Vulkan zu sein, der zu den aktivsten Chile’s gehört. Man weiss ja nicht, wann er wieder spuckt. Schilder auf dem Weg geben eine mittlere Gefahr an und markieren den Fluchtweg im Falle eines Ausbruchs. Während unseres Aufenthalts sind wir der Meinung, dass der Vulkan Llaima der jenige war, der im Juni 2011 mit seiner Aschenwolke sogar die Flughäfen in Australien lahmgelegt hatte. Später erfahren wir, dass es der Vulkan Puyehue war, da wo wir im Thermalbad gebadet haben. Der letzte Ausbruch des Vulkans Llaima war am 1. Januar 2008.

Beim Parkeingang, wo wir über Nacht stehen bleiben, fällt die Temperatur unter null Grad. Wir haben Glück mit unserer Standheizung – sie lässt uns diesmal nicht im Stich. Während der Nacht schneit es in den oberen Lagen. Wir erkundigen uns beim guardabosques (Förster) über die Strassenverhältnisse durch den Park. Er zeigt uns auf der Karte, wo wir mit Schnee zu rechnen haben.

Tatsächlich kommt Dingidi zum aller ersten Mal mit Schnee in Berührung. Mit dem Vierradantrieb ist es ein Kinderspiel durch den frischen, zum Teil unberührten Schnee zu fahren. Noch kommen wir ohne Schneeketten durch – gut so, denn wir haben keine! In einigen Tagen wird man wegen dem Schnee nicht mehr durch den Park fahren können. Ich liebe diese verschneite Landschaft mit den hier wachsenden Araucarias, den Andentannen, welche zu den Araukariengewächsen gehören, einer der ältesten Baumfamilien der Welt. (man schätzt diese Baumart auf Grund von gefundene Fossilien auf ca. 90 Mio. Jahre!)

Wir unternehmen bei strahlendem Sonnenschein Spaziergänge zu den bezaubernden Seen. Für längere Wanderungen ist der Schnee einfach zu hoch. Dafür müsste man im Sommer her kommen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auf unserem Programm steht nun das, in der Permakulturszene bekannte, Lernzentrum El Manzano. Da wir keine genaue Adresse haben, fragen wir in Cabrero, im nächsten Dorf, bei Bioläden und  Naturapotheken nach dem Weg, leider erfolglos, bis mir jemand den Tipp gibt, einen Taxifahrer zu fragen. Wir haben Glück. Der gefragte Mann war schon oft dort, um Schüler zu einer grossen Baustelle zu bringen. Er gibt mir freundlicherweise detaillierte Anweisungen wie wir dorthin finden.

Allerdings stellt sich heraus, dass wir zum falschen Zeitpunkt kommen und obendrein noch unangemeldet. Einer der Verantwortlichen wimmelt uns schnell ab, da die Organisations-Crew eine wichtige Sitzung abhält. Wir dürfen uns gerne das sich in Bau befindende Gebäude anschauen, aber bitte nicht in der Dorfgemeinschaft herum laufen. Hoppla, das war eine sehr europäische Begrüssung. Wir fragen uns wo die südamerikanische Lockerheit und Spontaneität geblieben ist?

Vielleicht geht es den Leuten gleich wie dem Wetter… es regnet und es ist alles andere als gemütlich. Wir schauen uns den Bau etwas an und entscheiden am nächsten Tag noch einen Anlauf zu nehmen bei hoffentlich besserem Wetter. Im angrenzenden Wald finden wir schnell ein Versteck für die Nacht.

Am nächsten Tag scheint wirklich die Sonne, den Sonntag zu ehren. Die Welt sieht wieder anders aus. Auch im Haus scheinen wir heute Glück zu haben. Osvaldo, ein Schüler, zeigt uns das Projekt und seine Arbeit. Das doppel-stöckige Haus soll ein Schulungszentrum werden. Im Untergeschoss befinden sich ein Schulungsraum und eine grosse Küche. Im oberen Stock gibt es zwei Schlafräume.

Die Trockentoiletten und Duschen sind in einem Nebengebäude untergebracht.

Während dem letzten Workshop, das vor wenigen Wochen stattgefunden hat, wurde die Versiegelung des Adobebaus behandelt. Damit der Regen die Adobe-Konstruktion nicht wegwäscht, versiegelt man die Aussenwände. Bei Holger hatten wir gelernt, dass in Mexiko baba del nopal dazu verwendet wird. Das ist der Saft eines Kaktus. Hier macht man eine Mischung von verschiedenen Zutaten, die unter anderem Honig beinhaltet, welche den Regen abperlen lässt und die natürliche Adobe-Farbe chic aussehen lässt.

Im oberen Stock fällt uns auf, dass die Innenwände Risse haben und, dass das Heu aus den Wänden spriesst. Hier wurde wohl nicht darauf geachtet, trockenes Heu zu verwenden, was sehr wichtig ist um dies zu verhindern. Osvaldo erklärt uns, dass sie nun warten, bis alles gesprossen sei. Sobald die Wände trocken sind, hört dieser Prozess auf. Dann werden sie mit einer Lehmschicht darüber fahren.

Hier sehen wir das Beispiel der Trockentoiletten mit zwei Kammern wie von Holger im Kurs erklärt. Man verwendet eine Kammer während 6 Monaten, dann lässt man die Kammer 6 Monate lang ruhen, währenddessen wird die zweite Kammer benutzt. Der Urin wird dabei getrennt abgeführt und vermutlich als Dünger verdünnt verwendet.

Das Thermostat der Solardusche zeigt 42 Grad an bei einer Aussentemperatur von 14 Grad um 10 Uhr morgens, nicht schlecht!

Wir werfen einen Blick in ein anderes Haus, was bereits fertig steht. Es handelt sich dabei um ein Musterprojekt für ökologisches Bauen, welches vom Staat mitfinanziert wird.

Gemäss dem Plakat werden dazu CLP 4‘000‘000 für den Bau veranschlagt, was EUR 6‘600 entspricht für Baumaterialien. Leider stehen die Projektverantwortliche nicht zur Verfügung. Also werden wir versuchen auf unsere Fragen per Email eine Antwort zu erhalten.

Vor der Abfahrt bekommen wir Adressen von weiteren  interessanten Projekten in Chile.

Eines davon heisst Buen Mundo und liegt auf unserem Weg nach Norden. Wir melden uns diesmal für den nächsten Tag per Email an und bekommen gleich Antwort von Juan Pablo. Ihr Internetauftritt zeigt rege Aktivität und ist aktuell. Letztes Wochenende hat ein Einführungskurs in die Permakultur stattgefunden.

Buen Mundo bewohnt ein altes Schulgebäude mit vielen Aulas, welche entweder als Schlafräume oder als Schulungsräume benutzt werden. Ein riesiges Haus mit viel Potenzial, was ihnen für die gebotenen Wochenendkurse zu gute kommt. Das Projekt ist relativ jung, deshalb gibt es nicht viel zu sehen an nachhaltigen Projekte ausser einen Gemüsegarten mit Kompost und einen angefangenen Backofen aus Lehm.

Mike gefällt dieses „Haus“ und wir überlegen kurz, ob wir einige Tage hier verbringen sollen, doch irgendwie fühlen wir uns hier nicht ganz wohl. Die treibende Kraft, die ein Projekt zum Laufen bringt, fehlt. Die Gemeinschaft ist (noch?) unorganisiert. Bestimmt wäre der Aufenthalt während eines Kurses spannend, nur ist momentan kein weiterer Kurs geplant.

So ziehen wir direkt weiter und freuen uns auf etwas Bewegung in der nicht weit entfernten Reserve Altos de Lircay.

Advertisements

Eine Antwort to “Regen, Schnee und Sonnenschein”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Imposantes in Peru « Lebensreise - 25/12/2012

    […] Sinne den mitteleuropäischen ähneln. In Chile erlebten wir unsere erste Enttäuschung, als wir im Nationalpark Puyehue für umgerechnet EUR 13 lediglich Zugang zu einem beheissten Schwimmbecken […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s