Einladung

24 Mai

Hallo, Ihr Lieben! Habt Ihr Lust auf eine Tageswanderung? Wir zwei sind dabei! Aber seid gewarnt, es geht den Berg steil hoch und wir werden ca. acht Stunden zügig marschieren. Ihr könnt es Euch noch bis morgen überlegen ;o) Jetzt ist ja schon 17 Uhr.

„Dürfen wir hier vor dem Eingang im Auto übernachten?“
„Si! no hay problema“, sagt uns ein Mitarbeiter der Reserva Nacional Altos de Lircay. Wir sollen nur dem LKW Platz lassen, der mit dem Kies hochfährt.

Da war doch eine Cafeteria am Wegrand, oder? Wir vertreten uns die Beine dorthin.
„Señor, está abierto?“
„Si! pasen no mas“. Der Besitzer kommt hinter uns mit dem Buschauffeur rein und sagt, dass seine Frau gleich zum Bedienen kommt. Was möchtet Ihr trinken? „Un café con leche porfavor y un chocolate caliente“.

Kurze Zeit später reicht uns Tito ein Gästebuch und bittet uns zu schreiben, wie uns die Gegend gefallen hätte. „Das kann ich ihnen morgen sagen, Señor, wenn wir auf dem Berg waren“, sage ich ihm. Ach so, Ihr seid erst angekommen? Und wo schlaft Ihr? Ähhm im Auto… wir haben ein… „rollendes Studio“.

Tito ist sehr gesprächig. Er erzählt uns Geschichten von den vielen Gästen, die seine Frau Lili und er seit den 90er Jahren hier bewirteten. Sie haben drei Töchter, die alle in der 66 km entfernten Stadt Talca wohnen. Die jüngste ist 16 Jahre alt, geht dort zur Schule und wohnt bei der anderen Tochter, die verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat.

Sie erzählen uns auch vom starken Erdbeben, das 2010 ihr Häuschen zerstörte und auch in Talca verheerende Schäden angerichtet hat. Die ganze Altstadt wurde wohl dabei zerstört. Seither wohnen sie in einer Notunterkunft neben der Cafeteria. In zwei Tagen soll ihr Fertighaus endlich angeliefert werden.

Pünktlich um 19 Uhr fährt der Buschauffeur mit einigen Wanderer weg. Lili steht auf und deckt den grossen Tisch in der Mitte des Raumes für vier Personen. „Tomen asiento!“ Wir werden ungefragt gebeten uns zu ihnen zu setzen und onces zu nehmen, wie sie das Abendbrot nennen.

Es wird pan amasado (runde, flache Brötchen), gerührte Eier, Butter, Honig und Konfitüre aufgetischt neben heisses Wasser, Teebeutel und Kaffeepulver. Das ist uns etwas peinlich und wir wollen gehen, aber sie bestehen darauf, dass wir bleiben. So nehmen wir ihre Einladung schüchtern an.

Wir erkundigen uns nach den Wandermöglichkeiten für unseren morgigen Tag und erfahren, dass wir auf keinem Fall Enladrillado verpassen sollen. Lili fragt uns, ob wir morgen Abend nach der Wanderung wieder mit ihr onces nehmen möchten. Sie sei alleine, da Tito ein Haus in Vilches Alto bewachen würde. Wir sagen zu und verabreden uns für 19.30 Uhr, wenn sie von ihrem Arzttermin aus Talca zurückfährt. Danach begleitet uns Tito mit der Taschenlampe zu unserem Auto. Es ist stockdunkel! – der Mond ist heute Nacht nicht zu sehen.

Die Standheizung hat uns die Nacht leider wieder im Stich gelassen. Mike ist am Morgen dabei zu testen, ob er die Diesel Zufuhr optimieren kann, als der Förster-Chef mit seinem Fahrzeug ankommt und uns fragt, ob wir auch in den Park möchten. Er mache das Tor gleich auf, wir sollen ihm folgen. Das heisst für uns schnell alles einpacken. Wohin mit dem zubereiteten Müsli? Hektik entsteht. Obwohl wir uns beeilen, sehen wir die anderen Fahrzeuge nur noch von hinten und das Tor ist wieder mit dem Schloss verriegelt.

Mist! und jetzt? Auf dem Eingangsschild steht, man könne den Schlüssel im Wachhäuschen abholen. Aber ist überhaupt noch jemand da? Zehn Minuten später macht uns eine nette Frau auf. Und sechs  Kilometer weiter oben müssen wir uns in einem Buch registrieren und den Parkeintritt von 4‘000 CLP (8 CHF/pro Person) bezahlen. Die junge Försterin ist sehr nett und empfiehlt uns in der nächsten grösseren Stadt einen Jahrespass zu besorgen für 10‘000 CLP. Sie sagt auch, dass der Park um 17.30 Uhr schliesse. Wir sollen aber den Schlüssel in ihrem Haus abholen, falls wir bis dahin nicht zurück sind. Das werden wir sicher müssen!

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So lassen wir Dingidi zurück und machen uns zügig auf den Berg an einem herrlichen Herbsttag. Gemäss der Karte werden wir etwa acht Stunden brauchen für die Rundwanderung. Wir haben solches Glück. Die letzten Tage hat es nur geregnet, doch heute scheint die Sonne. Die ersten Kilometer sind sehr angenehm zum Gehen. Wir durchqueren Flüsschen, an denen man bedenkenlos den Wasservorrat nachfüllen kann und kommen an Lagerplätze vorbei, die mit einem Hag geschützt sind.

Die Wanderwege sind gut beschildert und die erhaltene Karte ist ziemlich genau. Ja, es geht recht steil bergauf, aber es tut gut sich körperlich zu betätigen. Mike hat ein rechtes Tempo drauf. Er vergewissert sich, dass wir gut in der Zeit sind, denn wir möchten vor Sonnenuntergang zurück sein. Je höher wir kommen, desto mehr Pausen müssen wir einlegen. Entweder merken wir die dünne Luft oder wir sind einfach müde vom steilen Hang. Wir sind ja auch aus der Übung… Wie lange ist es  her seit der letzten Wanderung?

Doch die Mühe wird mit einer wunderschönen Aussicht belohnt und mit zwei herumfliegende Condor. Hoch auf dem Berg essen wir die mitgebrachte Verstärkung und geniessen den Moment.

Wo sind die anderen Wanderer? Nicht dass wir Gesellschaft brauchen, doch wir wundern uns sehr, dass wir auf dem ganzen Weg keinem Menschen begegnen. Vermutlich sind wir später unterwegs als andere.

Da wir leider keine Zeit für Experimente haben, gehen wir denselben Weg zurück. Der ist bergab tatsächlich genauso steil und nicht einfacher zu gehen. Die Knie schmerzen beim Abstieg. Am Fusse des Berges machen wir eine lange Pause. Wir sind erschöpft und wollen gar nicht weiter gehen, doch wir müssen.

Unterwegs gönnen wir uns immer wieder eine kleine Pause. Bei einer dieser Erholungspausen lasse ich meine Korrektur-Sonnenbrille auf einem Stein liegen und merke das Fehlen viel später. Zum Glück ist der Weg da schon flacher und ich kann ca. 3 Kilometer zu der Stelle zurück joggen während Mike mit dem Rucksack auf mich wartet. Bald wird es dunkel. Aber wir schaffen es glücklicherweise bei Dämmerung beim Auto anzukommen. Wir sind beide fix und fertig und ich habe jetzt schon Muskelkater. Unglaublich wie anstrengend diese Wanderung für uns war.

Für die Nacht parken wir vor der Cafeteria von Tito und Lili. Uns bleibt noch etwas Zeit bevor Lili aus der Stadt kommt um eine feine Gemüsesuppe zu kochen. Sie möchte zunächst keine sopa essen zu ihrem Brot, doch als sie diese sieht und riecht, ändert sie ihre Meinung. Das sei keine sopa sondern eine cazuela. Wir dürfen bei Lili noch die Dusche benutzen, was wir sehr gerne tun nach diesem körperlich aktiven Tag. Doch als das Wasser in der kalten Nacht mehr kalt als warm kommt, würde ich am liebsten einen Rückzug machen und verrate Mike kein Wort. Auch er steigt in das kalte Wasser.

Lili ist froh, dass wir nah vor ihrem Häuschen schlafen. Sie ist nicht gerne alleine in der Nacht, weil so vieles passieren könne… Einbruch, Erdbeben. In dieser Nacht werden wir tatsächlich unsanft geweckt durch ein Geräusch. Jemand wühlt in der Mülltonne und macht einen Höllenlärm. Ich denke dabei an wilde Hunde oder gar einen Puma… wir sind schliesslich in ihrem Territorium. Aber wie soll der bitte schön den Deckel von der Mülltonne aufgekriegt haben?

Mit meiner Taschenlampe versuche ich vom oberen Stock aus durch das Moskitonetz ausfindig zu machen, wer den Lärm verursacht und kann in der Dunkelheit (es ist immer noch eine Mondlose Nacht) fast nichts erkennen. Dann sehe ich etwas grosses, was könnte das sein? ist das wirklich das was ich sehe? Täuschen mich meine Augen? Kann das eine Kuh sein? Tatsächlich! und die lässt sich durch nichts stören, holt Glas- und Petflaschen aus der Tonne und leckt sie ab. Mike geht zu ihr und versucht sie zu verscheuchen, doch nach wenigen Minuten ist sie wieder zurück und gibt keine Ruhe.

Als Beweisstück macht er ein Foto von der Übeltäterin. Nicht, dass es heisst, die Touristen seien für diese Sauerei verantwortlich, die um die Mülltonne entsteht. Am nächsten Morgen berichten wir Tito und Lili von dem Vorfall, aber das ist für sie nichts Neues. Sie erzählen uns von herrenlosen Kühe, die hier herumstreuen, den Müll durchstöbern und Plastiktüten fressen. Sachen gibts!

Wie versprochen, tragen wir unsere schönen und schmerzhaften Wander-Erlebnisse zum Enladrillado in das Gästebuch ein und berichten von der wunderbaren Gastfreundschaft dieses herzlichen Paars.

Muchisimas gracias Lili y Tito por su hospitalidad y generosidad!!!

Und… wie sieht es bei Euch aus? Seid Ihr dabei auf der nächsten Tour? Ich verspreche Euch, die wird einiges gemütlicher…

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3 Antworten to “Einladung”

  1. Sandra 28/07/2012 um 8:50 am #

    Ich finde es wunderbar zu lesen, das es so tolle gastfreundliche Menschen auf diese Welt gibt…und lese immer wieder gerne Eure Neuigkeiten….
    viele liebe Grüße aus dem kalten Deutschland senden Euch

    Sandra und die Männer

    P.S:
    Übrigens soll ich für Mike ganz liebe grüße von den Jungs senden, die würdest Du nicht wiedererkennen….und an Ana unbekannterweise auch…:)

  2. Thomas & Stefan 27/07/2012 um 5:08 pm #

    Klar sind wir dabei!! Wann geht’s los?? :-)

  3. Patric 27/07/2012 um 12:10 pm #

    Hola meine Freunde!!!!
    Ich grüsse von Deinem Kolumbien, Ana Maria!! Da geht ja die Post ab bei euch mit dem Berichte schreiben – BRAVO!! Ich bin dafür wieder einmal im Rückstand, da ich seit einer Woche praktisch nur noch Autofahre und im Norden war es schwierig, Internetempfang zu erhalten.
    Habe gedacht, ich schreibe euch das mal hierhin und melde mich auf diese Weise…:)
    Jetzt wird es aber wirklich schwierig uns wieder zu sehen. Ich verschiffe nach Panama so um Mitte August. Ich besuche euch dann später in eurem Permakultur-Haus:):)
    Vermisse euch
    Patric

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