Leben in der Wüste

15 Jun

Die nächste Ortschaft, welche wir anfahren heisst Tocopilla. Ein Ort der mir geläufig ist, weil ich vor gut 11 Jahren eine Chilenin in Seon (Kanton Aargau) kennengelernt habe, die aus diesem Dorf stammt. Ich habe Veronica seit 2001 nicht mehr gesehen und den Kontakt zu ihr leider verloren. Doch dank Facebook haben wir uns vor einigen Wochen wieder gefunden. Was aus meiner Freundin geworden ist, werde ich bald erfahren. Ich bin freudig aufgeregt.

In der kleinen Copec Tankstelle leiht uns ein netter Mann in Krüken spontan sein Handy um Veronica Bescheid zu geben, dass wir in Tocopilla angekommen sind. Wir hatten mit ihm nur wenige Worte gewechselt, woher wir kommen und was wir so treiben und schon offeriert er uns sein Telefon. Was für ein netter Kerl!

Keine fünf Minuten später steht Veronica mit freudigen, Tränen erfüllten Augen vor uns. Begleitet wird sie von ihren zwei Kindern Jorge und Benjamin. Welche Freude meine Freundin wiederzusehen! Es ist dieselbe strahlende junge Frau, nur etwas älter und vom Schicksal geprägter.

Veronica und ihr zweiter Sohn Benjamin

Aus ihr sprudelt es nur so heraus – ganz die alte Veronica – und so schnell, dass Mike kaum ein Wort versteht. Wie sie erzählt, ist 2012 auch für sie ein turbulentes Jahr. Nach der Trennung von ihrem langjährigen Partner hat sie Haus und Arbeit in Antofagasta verlassen und hat sich mit ihren Kindern zu ihren Eltern in Tocopilla begeben, wo sie seit zwei Monaten lebt. Sie möchte sich neu orientieren, einen neuen Beruf erlernen und in der wohlhabenden Minenstadt Calama ein neues Glück versuchen.

Die meisten Menschen in Chile leben in einer „heissen“ Zone. Im sogenannten pazifischen Feuergürtel, der aktivsten seismischen Zone der Welt. Stets werden sie von der Natur schwer geprüft: Vulkanausbrüche, Tsnunami, Erdbeben uvm. Im November 2007 ereignete sich ein schweres Erdbeben mit Epizentrum in Tocopilla, bei dem viele Menschen ihr Hab und Gut verloren haben, darunter auch die Eltern von Veronica. Erst jetzt wurde ihr neues Häuschen fertig gestellt, das vom Staat subventioniert wurde. Doch das Grundstück steht auf dem Berg weit weg vom Zentrum und von ihren Arbeitsstätten. Deshalb ziehen sie vor in einer Notunterkunft in der Nähe des Stadtkerns weiter zu leben.

Das Leben am Rande der Wüste ist nicht einfach, doch die Aussicht auf Wohlstand dank dem reichen Boden im Norden ermutigt viele Menschen sich trotzdem in der trockenen, unfruchtbaren Region niederzulassen.

Chile ist dank der Kupfermine von Chuquicamata in Calama der weltweit grösste Produzent von Kupfer, dem Rohstoff der den Wohlstand in diesem Land ermöglicht hat. In Tocopilla befindet sich das thermoelektrische Werk, das den Strom zur Kupferproduktion liefert. Der Ausfuhrhafen selbst befindet sich aber einige Kilometer von hier entfernt in Mejillones.

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Veronica erinnert sich gerne an die Zeit ihres Aufenthaltes in der Schweiz. Sie betont immer wieder ihre Dankbarkeit für die Menschen, die ihr diese Erfahrung ermöglicht haben und für meine seelische Unterstützung in einem für sie fremden Land sowie für alles, was wir gemeinsam erlebt haben. Sie kümmert sich rührend um uns und sucht unter der Verwandtschaft nach einem sicheren Parkplatz für Dingidi und einer bequemen Schlafmöglichkeit für uns. Sowohl die Familie des Vaters wie der Mutter sind hier Zuhause.

Bei der einen Tante dürfen wir die Waschmaschine benutzen, denn Wäschereien sind in Tocopilla keine vorhanden. Den Wassertank dürfen wir bei den Eltern füllen. Eine andere Tante nimmt uns wie selbstverständlich in ihrem Haus auf. Sie hat für uns drei beide Gästezimmer bereit gemacht. Es ist so verlockend wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen, doch Mike zieht es vor, im Auto, vor dem Haus, direkt neben der Hauptstrasse zu nächtigen. Obwohl die Zimmer sehr einladend sind, überwiegt die Angst das Hab und Gut im Auto zu verlieren, da das Auto frei zugänglich ist. Während ich im Zimmer eine unruhige Nacht verbringe, weil der Strassenverkehr für mich zu laut ist, schläft Mike im Auto wie ein Baby. Meine Mutter, die mit mir das Zimmer teilt, scheint mit dem Lärm auch keine Probleme zu haben.

Wir verbringen zwar nur zwei Tage bzw. eine Nacht in Tocopilla, doch nutzen wir die Zeit intensiv zum Austausch und Kennenlernen der ganzen Familie und fühlen uns sehr wohl bei ihnen. Natürlich lassen wir uns die Ortschaft vorstellen. Der Kern von Tocopilla ist klein und wird in kurzer Zeit umrundet.

Am Hafen neben dem Fischmarkt treffen wir auf eine niedliche Seelöwen-Kolonie, welche den Fischern ein Dorn im Auge sind, weil sie für ihren Geschmack zu viele Fische wegfuttern. Der rückgehende Fischbestand liegt aber wohl weniger an den Seelöwen sondern eher an der Überfischung durch die Industrie und an der Umweltverschmutzung, die am Strand ganz deutlich zu erkennen ist. Der Strand ist schwarz durch den Kohlenstaub, welcher beim Entladen der Kohle im Elektrizitätswerk entsteht, aber das scheint in Tocopilla niemand zu interessieren.

Beim Besuch der Altstadt fühlen wir uns in eine andere Zeit versetzt. Die altertümlichen Fassaden entsprechen nicht der offerierten Dienstleistungen oder Waren im Geschäft. Wir erfahren durch Veronica, dass im Moment ein Film in der Stadt gedreht wird und dafür die Fassaden der Läden in der Zeit zurückversetzt wurden. Ein komisches Gefühl, wenn ein Zahnarzt offeriert wird und in Wirklichkeit ein modernes Brillengeschäft darin steckt.

Wir decken uns noch mit Früchten und Gemüse ein und schon ist es Zeit weiterzureisen. Beim Abschied von Veronica fliessen natürlich wieder Tränchen. Veronica zu treffen und ihre Familie kennenlernen zu dürfen, dafür bin ich sehr dankbar, dass dies überhaupt möglich war. Damit ist eines meiner lang ersehnten Träume in Erfüllung gegangen.

Bevor wir aber nun endgültig weiterreisen, decken uns Veronica und ihre Tante mit leckeren Sandwiches ein und beschenken uns mit chilenischem Wein und Bier. Somit werden wir in der Wüste von Calama definitiv nicht verhungern oder verdursten.

Hasta la vista amiga y gracias por todo! Me alegró muchisimo verte de nuevo! Te deseo todo lo mejor en la vida y mucha suerte para que sigas adelante!

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