Reiche Vergangenheit

11 Jul

Am liebsten würden wir durch Uyuni ohne Halt weiterfahren, denn das Dorf wirkt alles andere als einladend. Es ist das Tor zum Salar und somit eine Touristenfalle, aber eine ohne jeglichen Charm. Doch anstatt uns über diesen Ort zu beklagen, sollten wir dankbar sein, dass es hier im Niemandsland einen Bankomaten gibt und dass uns dieser mit Bolivianos beliefert. Auch darüber, dass wir ein gutes Mittagessen bekommen, obwohl es bereits 15 Uhr ist und dass es mitten in der Wüste einen Markt gibt, in dem wir uns mit Früchte und Gemüse eindecken können. Alles überhaupt nicht selbstverständlich, aber irgendwie sind wir geblendet durch die Touristenfängerei.

Strassenmarkt in Uyuni

Als wir bei unserem Einkauf am Ende des Marktes ankommen, erkennen wir Heiko, Paula und Mina im Deutschen Mercedes Sprinter. Währenddessen Birgit ihre Unterkunft organisiert, erklärt uns Heiko an welcher Tankstelle wir Diesel bekommen, leider zum Touristenpreis aber wir können froh sein, dass wir überhaupt welchen kriegen. Auch sagt er uns, wo wir eine Waschanlage finden, um das Salz vom Auto entfernen zu lassen. Rasch verabschieden wir uns, denn wir möchten wenn möglich noch heute die staubige Oase verlassen.

das war bitter nötig: Salz und Staub entfernen

Das Thema „Tanken“ in Bolivien artet bei den Reisenden immer in angeregte Diskussionen aus, denn hier bezahlen Fahrzeughalter mit ausländischen Nummerschilder den sogenannten „internationalen Preis“, der fast dreimal höher ist als der einheimisch subventionierte. Somit kostet im Juli 2012 ein Liter Diesel für Ausländer BOB 9.46 umgerechnet CHF 1.25 während die Einheimischen BOB 3.70 bzw. CHF 0.50 bezahlen. Der Dieselpreis ist für uns in Bolivien etwas höher als in Chile. Damit will die Regierung dem illegalen Handel mit Sprit ein Ende setzen, denn Fahrzeughalter von Nachbarländern, hauptsächlich von Peru, fahren nach Bolivien um vom subventionierten Preis zu profitieren und um damit Geschäfte zu machen.

An allen Tankstellen wird beim Tanken die Autonummer registriert, was eine lange Prozedur mit sich bringt. Für ausländische Fahrer werden zwei Rechnungen erstellt. Eine für den einheimischen Preis und eine zweite für die Differenz. Einige Tankwarte ist das zu kompliziert oder sie behaupten sie hätten keine internationale Rechnung und deshalb verweigern sie den Verkauf an ausländische Fahrzeughalter, womit auch wir später konfrontiert werden.

Was den internationalen Preis angeht, finde ich es persönlich in Ordnung, wenn „Fremde“ nicht von der Staatssubvention profitieren, sofern diese wirklich eine ist. Ich bezweifle aber, dass die Subvention in so hohem Masse ausfällt und dass alle Tankwarte die Differenz an den Staat weiterleiten.

Wie wir später erfahren, hat die Regierung an Weihnachten 2011 die Spritpreise im ganzen Land um das zwei fache erhöht. Von heute auf morgen mussten Bolivianer BOB 7.50 bezahlen für einen Liter Benzin. Ihr könnt Euch vorstellen was dann passiert ist. ALLES wurde massiv teurer. Die Leute sind daraufhin auf die Barrikaden gegangen und wollten die Regierung stürzen. Einige Tage später musste der Präsident Evo Morales die Spritpreise auf den ursprünglichen Verkaufswert zurücksetzen um die Ruhe im ärmsten Land Südamerikas wiederherzustellen. Diese „Anekdote“ gewährt uns schon einen kleinen aber massgebenden Einblick in das tägliche Leben der Bolivianer.

Strassenbaustelle zwischen Uyuni und Potosi

Wir tanken in Uyuni 40 Liter Diesel zum internationalen Preis bei YPFB und Dingidi bekommt eine Vollwäsche kurz vor Feierabend. Dann steuern wir auf die Strasse Richtung Potosi. Diese war bis vor kurzem ein Alptraum für jegliche Verkehrsteilnehmer und für uns mit ein Grund, uns für ein Geländewagen zu entscheiden. Nun wird die Strasse aber asphaltiert, worüber wir dankbar sind, auch wenn wir den 4×4 nicht mehr benötigen. Die Zustände der ursprünglichen Strasse waren wirklich katastrophal. Die Strassenarbeiter sind spät abends immer noch an der Arbeit um die frisch asphaltierte Strasse fertigzustellen, denn die offizielle Eröffnung findet in wenigen Tagen statt.

Die Vegetation auf dieser Strecke bleibt weiterhin sehr karg. Nur kleine Gebüsche – sieht nicht sehr nahrhaft aus für die wilden Guanakos. Wir wundern uns, wie diese überhaupt überleben können, da auch die Flüsse jetzt praktisch kein Wasser führen. Aber irgendwo wird es eine Quelle geben müssen, weil auch hin und wieder einfache Lehmhäuser mit Gärten zu sehen sind.

karg sieht es aus

Mike folgt etwa 30 Kilometer nach Uyuni einer Einfahrt ins Niemandsland, als keine Baustelle mehr zu sehen ist und so bleiben wir über Nacht zwischen Gebüschen und kleineren Sanddünen etwa 300 Meter von der Hauptstrasse entfernt stehen. Ganz wohl ist es mir nicht dabei, weil mir bewusst ist, dass wir in einem sehr armen Land unterwegs sind und dass uns viele Leute um unser Fahrzeug beneiden. Auch sind dieses Land und seine Menschen für mich noch ganz neu. Ich muss noch vieles lernen, doch heute Nacht brauchen wir uns ausser um die Temperatur von minus 1,7 Grad keine Sorgen zu machen.

doch noch etwas Wasser

Bevor wir Potosi, die höchst gelegene Grossstadt der Welt erreichen, müssen wir an einer Zahlstelle anhalten. Ein uniformierter Polizist steht in der Türe eines notdürftig aufgestellten Häuschens auf unserer linken Seite und winkt uns heran. Zögernd steige ich aus der Beifahrerkabine aus. Das soll eine offizielle Zahlstelle sein? Mike bleibt im Auto auf der Strasse stehen mit laufendem Motor. Etwas misstrauisch folge ich dem Polizisten ins Innere des Raumes in dem je ein Schreibtisch links und rechts von der Türe steht, hinter jedem ein Beamter sitzt.

Der Polizist bleibt dann mitten im Raum stehen und fragt mich woher wir kommen. „Uyuni“ ist meine Antwort. Und wo waren sie bevor?  „in Chile, wir sind in Ollagüe bzw. Avaroa über die Grenze gekommen“. Wie aus der Pistole geschossen, sagt er mit ernster Miene und milchig leerem Blick starrend „100 Bolivianos“. Ich schaue ihn ungläubig an, sofort sagt er dann „Führerausweis“. Schon will ich mir an die Hosentasche greifen, dann frage ich ihn etwas irritiert „warum meiner? Ich bin ja gar nicht gefahren“. Dann mischt sich einer der Beamten ein und verlangt BOB 10 für die Fahrt von Uyuni nach Potosi. Ich gebe ihm das Geld und bekomme kleine grüne Zettel mit dem bedruckten Betrag. Schnell raus, denke ich, dann ruft der andere Beamte „bei mir sind es 5 Bolivianos“. Auch dort bekomme ich kleine Zettel diesmal aber in rosa. Ich denke, dass der Polizist bei Mike ist um den Führerausweis zu verlangen aber nein, er steht noch vor dem Haus. Schnell beeile ich mich über die Strasse und sage zu Mike „Fahr los bevor sich der Polizist noch etwas einfallen lässt“ und während Mike weiterfährt, berichte ich ihm vom erlebten.

Mein Misstrauen gegenüber den korrupten Ordnungshüter findet mit dieser Geschichte nahrhaften Boden. Die Geschichte beschäftigt mich sehr. So bin ich ganz angespannt  als wir in unsere erste grosse bolivianische Stadt ankommen und obwohl ich nicht der Fahrer bin, fühle ich mich sehr gestresst. Die ersten Eindrücke in Potosi sind vielfältig. Mich übermahnt Erleichterung, dass doch nicht alle Städte wie Uyuni aussehen, dann bin ich verärgert, dass alle Verkehrsteilnehmer ungeduldig hupen, drängeln und aggressiv fahren. Schliesslich kommt Erstaunen als wir durch die schmalen Strassen der schönen im Kolonialstil gebauten Altstadt hoch und runter fahren und dann bin ich fast verzweifelt bei der Suche nach einem freien Parkplatz.

die Strassen in der Innenstadt

Wir tanken wieder zum internationalen Preis an einer YPFB Tankstelle und nutzen eine freie Parklücke um in aller Ruhe den Reiseführer Lonely Planet nach einer Unterkunft mit geschützter Parkmöglichkeit zu konsultieren. Der Tankwart zeigt mir dann, wo wir die Strasse finden an der das einzige zentralgelegene Hostel mit Parkplatz liegt, das Residencial Tarija.

Die engen Strassen in Potosi sind bis auf die Hauptstrassen alle einspurig. Es hat unheimlich viel Verkehr. An Wendungsmanöver mit unserem langen Landcruiser ist nicht zu denken. Nach zwei Runden im Umkreis fahren, finden wir endlich den Eingang in die Residenz, in der wir uns zum Campen für BOB 50 (CHF 6.75) einschreiben. Für diesen Preis dürfen wir im Innenhof neben einem Belgischen Mercedes Sprinter parken und eine gemeinsame Toilette-/Duschkombination im Hostel benutzen. BOB 90 würde ein Zimmer mit Toilette im Gang kosten. Doch so „sauber“ wie die Dusche gehalten wird, verzichten wir gerne darauf.

Zu Fuss erkunden wir das Zentrum Potosis, die Fussgängerzone und ein Museum in dem momentan eine kleine Buchmesse stattfindet. Wir spazieren durch den Markt, betrachten erfreut die Cholitas (elegant gekleidete Bäuerinnen mit farbigen Röcken, langen Zöpfen und Hütte), die an jedem freien Platz um den Markt sitzen und ihre Ware anbieten: Gemüse, Früchte, Brot oder Becher mit süsser Gelatine und Schlagsahne.

Freitags gibt es Kuchen mit farbigem Dekor

An einem Stand kaufen wir eine SIM-Karte und erkundigen uns über die Telefonie- bzw. Internetkosten. Es gibt ein sehr attraktives Angebot vom Anbieter TIGO. Die Verkäuferin versichert uns, dass die Inbetriebnahme der Nummer kinderleicht und unproblematisch sei. Ja, dies mag für Bolivianer der Fall sein. Doch wie wir feststellen, müssen Ausländer einige Formalitäten erfüllen, sich im TIGO-Büro persönlich mit einer Passkopie anmelden und das Handy konfigurieren lassen. Also verbringe ich dort einen ganzen Vormittag.

Am Abend folgen wir der lauten Festmusik am Kirchplatz und treffen auf verschiedene festlich gekleidete Musik- und Tanzgruppen. Ich bin überrascht, dass von vier Spielenden nur einer weiss, was der Grund für das Feiern ist. Zu Ehren eines Heiligen, dessen Namen ich nicht in Erfahrung bringe, begeben sich die Menschen nach einer Aufwärmphase (die unter anderem auch mit Alkohol erzeugt wird) um 19 Uhr auf die Strasse und blockieren diese für den Verkehr während mehrere Stunden.

festlicher Umzug

Ich kaufe mir an einem Stand einen grossen heissen Kaffee Latte für umgerechnet CHF 1 um mich etwas aufzuwärmen und beobachte die langsam vorwärts treibende Parade während Mike mit seinem kleinen Fotoapparat Fotos macht und kurze Videos aufnimmt von den kurzärmlig und mit hohen Absätzen tanzenden Frauen. Ich finde das ganz witzig, dass die Tanzenden sich nicht stören lassen durch die genervt hupenden Autofahrer. Es gibt immer mehr Zuschauer und Leute, die sich an Strassenecken mit Kleinigkeiten zu Essen verpflegen. Was mir am besten gefällt, sind die Pizzaöfen auf Räder, die mit Gas betrieben werden. Wir ziehen mit der Menschenmenge mit bis uns beiden auffällt, dass wir von zwei jugendlichen verfolgt werden, deren Interesse durch Mikes Fotoapparat wohl geweckt wird. Grund für uns, uns von der Menge zu lösen und den Rückweg zum Hostal anzutreten.

Unsere Nachbarn im Mercedes Sprinter kommen als wir bereits unter dem kuscheligen Schlafsack liegen. Sie starten den Motor ihres Fahrzeuges, anscheinend funktioniert auch ihre Heizung nicht auf 4‘000 Meter. Bei dem Motoren- und Festlärm ist nicht ans Schlafen zu denken, also schauen wir wieder mal einen Film auf dem Laptop und hoffen, dass der Lärmpegel bald nachlässt. Doch die Nacht in diesem Hostal verläuft alles andere als ruhig, weil entweder Autos auf der Strasse oder sogar auf dem Parkplatz hupen oder weil Gäste am frühen Morgen lange Zeit am Tor poltern bis ihnen endlich jemand das Tor aufmacht.

in der Altstadt

Beim Schlendern durch die Strassen Potosis fällt es mir schwer zu glauben, dass diese Stadt im frühen 17. Jahrhundert eine der grössten Städte der Welt war, so dass sie mit Paris oder Rom verglichen wurde. Die Elite lebte in einem solchen Luxus, dass sie sogar die Strassen mit Silber bepflastern liessen. Das Silber kam direkt vom reichsten Berg, der sich neben der Stadt befindet: den Cerro Rico. Während drei Jahrhunderte hat die spanische Krone das ganze Silber aus dem Cerro Rico zum alten Kontinent abgeführt. Das Silber diente wohl dazu die Schulden Spaniens bei der katholischen Kirche und ihren Nachbarländern zu begleichen.

Damals wurden die männlichen Ureinwohner zur Minenarbeit unter schlimmsten Bedingungen versklavt. Ihre Lebenserwartung betrug knapp 35 Jahre. Starb der Vater, wurde das Nachkommen eingezogen. Die Indio-Frauen waren so verzweifelt, dass sie ihre Kinder töteten, damit ihnen nicht dasselbe Schicksal erging. Der uruguayanische Schriftsteller Eduardo Galeano berichtet in seinem Bestseller „Die offenen Adern Lateinamerikas“, dass der Silberbergbau in Potosi acht Millionen Indios das Leben gekostet habe.

Heute werken die Minenarbeiter auf eigener Rechnung, doch die Bedingungen sind nach wie vor katastrophal und es gibt logischerweise nicht mehr so viel Silber und Zinn zu holen aus dem Cerro Rico, denn die Spanier haben den Berg ausgeplündert. Aber die Minenarbeiter sind der Meinung, dass in ihrem heiligen Berg das Erz weiterwächst.

Wir verlassen die Silber-Stadt und fahren Richtung Sucre mit der Absicht am selben Tag dort anzukommen. Doch finden wir auf dem Weg dahin einen geschützten Platz mitten in den Bergen auf 3‘250 M.ü.M. und aus diesem „Tagesausflug“ werden drei „Akklimatisierungs-Tage“ für die Mike sehr dankbar ist, da er immer noch durch die Höhe zu leiden hat und schlecht schläft.

Die Sonne scheint jeden Tag durch den wolkenlosen Himmel, so dass wir tagsüber Temperaturen von 24 Grad haben und die Energie mittels Solarpanel nutzen können, so kann ich weiterhin am Bericht schreiben. Hier haben wir durch unseren TIGO-Provider sogar Internetverbindung! zumindest mit dem Handy, womit wir die Emails checken können.

drei Tage hinter dem Berg

Als dann aber das Gemüse zur Neige geht und der Wasservorrat knapp wird, packen wir unsere sieben Sachen und fahren weiter zur Hauptstadt Boliviens…

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