Begegnungen

3 Aug

Für unsere Tour über die Berge möchten wir vorab unsere Tanks füllen: den Trinkwasser- und den Dieseltank.

Wir halten an bei einem Supermarkt um zwei 20 Liter Flaschen Wasser zu kaufen um damit den Wassertank zu füllen. Der Sicherheitsbeamte des Supermarkts weist uns darauf hin, dass die Pfandflasche, welche wir dabei haben, hier nicht verkauft wird. Damit bekommen wir also keine Flasche verkauft und ohne Pfandflasche – kein Wasser. So muss ich der Verkaufsleiterin erklären, dass ich die Flaschen nur auf den Parkplatz nehmen möchte, um den Inhalt in den Fahrzeugtank zu leeren und die leeren Flaschen gleich wieder zurückbringe. Daraufhin kommen der Geschäftsführer und die Verkaufsleiterin persönlich raus, um die Situation zu erfassen. Sie bewundern unser Dingidi und fragen gleich woher wir kommen und wohin wir fahren und ob uns Bolivien gefällt. Natürlich ist das Umfüllen ohne Pfandflasche dann kein Problem. So steigt gleich der Sicherheitsbeamte aufs Auto um Mike bei der Umfüllaktion mit dem Schlauch zu helfen, dabei erzählt er uns ein bisschen aus seinem Leben. So hilfsbereit!

Beim Diesel haben wir nicht so viel Glück. Scheinbar ist an diesem Sonntag der Diesel ausgegangen in Quillacollo, der Stadt von wo aus wir die geteerte Strasse Richtung Coroico verlassen möchten. Fünf Tankstellen, die wir anfahren, haben nur Benzin. Nach Cochabamba zurückfahren, möchten wir nicht.  So trauen wir uns, mit nur einem dreiviertel vollen Tank, auf den Weg. Unsere Route beträgt nur geschätzte 250 Kilometer (Mikes berechnete Luftlinie), dafür denken wir, sollte der Diesel reichen. Ansonsten können wir ja in einem der kleinen Dörfer auf unserem Weg tanken, oder nicht?

Cochabamba aus der Vogelperspektive

Das Wetter ist an diesem Tag bewölkt. Von ca. 2‘800 Meter Höhe geht es hoch über die Berge. Wir bekommen zunächst einen Blick über das Tal in dem Cochabamba liegt, mit ihren 600‘000 Einwohner und fahren anschliessend höher und höher, will denn dieser Berg nicht aufhören? Wir sind erstaunt, dass es nur noch hoch geht, denn eigentlich haben wir das Gefühl schon auf dem Gipfel zu sein. Auf ca. 3‘700 Meter Höhe bleiben wir stehen und schlagen unser Zelt gleich neben der ungeteerten Strasse auf, möchten nicht noch höher stehen bleiben. In der Nacht hupen viele der vorbeifahrenden Fahrzeuge vorallem die LKW’s. Es scheint sie zu freuen, schlafende Touristen aus dem Schlaf zu reissen.

Stellplatz neben der Strasse auf 3’700 M.ü.M.

Bei Regenwetter setzen wir die Fahrt fort, zunächst höher, dann runter auf 2‘200 Meter, vorbei an einer grösseren Ortschaft namens Independencia, um dann wieder auf 3‘500 Meter zu fahren. Und so fahren wir während den nächsten fünf Tagen über viele Berge hoch und runter, sehen Vicuñas und Kondore auf über 3‘800 Meter, geniessen die grüne Landschaft in tieferen höhen und durchqueren Flüsse, welche während der Regenzeit nicht passierbar sind.

Am dritten Tag kommen wir an viele kleine Dörfer vorbei, einige davon werden durch Kontrollposten mit einem Schlagbaum von Polizisten bewacht. An einem müssen wir uns ausweisen und mitteilen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Da weiss der Polizist nicht so recht was er von uns will. Er verlangt die Ausweise und schaut sie gründlich durch, dann will er einen Blick ins Innere des Fahrzeugs werfen. Er steht da wie angewurzelt und sagt nichts. Bevor er noch auf dumme Gedanken kommt, fragen wir ihn wo sich die nächste Tankmöglichkeit befindet. Nach seiner Beschreibung und kurzem Zögern macht er die Schranke auf und lässt uns ins Dorf rein und durch.

Glücklicherweise brauchen wir Diesel und nicht Benzin, denn hier ist letzterer ausgegangen. Wir bekommen 20 Liter Diesel zu einem für uns günstigen Preis von 5 Bolivianos pro Liter, diesmal aber nicht in einer Tankstelle sondern bei einer älteren Dame, die uns diesen per Kanister zur Verfügung stellt. Daneben steht der Brotkorb. Prima! trifft sich hervorragend, Brot wollten wir auch wieder mal  kaufen.

Diesel nachfüllen per Kanister

Einige Kilometer weiter finden wir auf 2‘070 Meter Höhe einen netten Stellplatz neben einem Flüsschen. Ich halte eine vorbeigehende Cholita an und vergewissere mich, ob es in Ordnung geht, wenn wir hier über Nacht stehen bleiben. Zuerst versteht sie meine Frage nicht, es muss sich für sie komisch anhören, dass man im Auto schlafen will. Ist doch viel zu kalt und unbequem im Auto! Dann aber, als ich ihr erkläre, dass wir dafür ausgerüstet sind, meint sie, das sei doch kein Problem. „Warum sollte es denn ein Problem sein, hier stehen zu wollen?“ Fragt sie mich. Dann wünscht sie uns einen schönen Abend und widmet sich weiter der Suche nach einem verlorenen Huhn.

Dürfen wir hier neben dem Fluss stehen bleiben? Klar, warum denn nicht?

Nette Begegnungen bereichern unsere Reise über die Berge. Für ein kurzes Stück nehmen wir einen Bauern mit, der auf dem Weg ist zu einem Treffen mit seinen Bauernkollegen in der nächsten Comunidad. Er erzählt uns, dass sie hier, auf über 2‘000 Meter Höhe, drei Mal im Jahr Kartoffel ernten können. Sie würden seit sechs Jahren auf chemische Düngemittel verzichten und verkaufen ihre organischen Produkte auf dem Markt in La Paz. Wir hätten ihn noch vieles fragen wollen, doch wir kommen zu schnell an seinem Ziel an. Als er sich verabschiedet, meint Mike, ich soll ihn fragen, ob ich ihn zu diesem Treffen begleiten dürfe, doch ich traue mich nicht so recht und ich gehe davon aus, dass die Einheimischen unter sich quechua sprechen und nicht spanisch.

Im nächsten Berghang, keine 30 Kilometer weiter, nehmen wir einen 60-jährigen Mann mit, der mit einer Machete am Wegrand winkt. Der Herr heisst David Paz. Er war eben damit beschäftigt, Eukalyptusbäume zu fällen, um die Scheune seiner Hühnerfarm zu restaurieren. Die Stämme will er zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Fahrzeug abholen. Seine Familie lebt von der Hühnerfarm und von ein paar Schweinen, die sie züchten. Er beklagt sich über sein linkes Bein, in dem er seit einem Jahr keine Kraft mehr hat. Ärzte gebe es hier keine. Wenn die Menschen krank werden, müssen sie zur Behandlung nach La Paz fahren, was teuer und über acht Stunden weit weg ist.

Gespräch mit David Paz

Ich frage ihn, von was die Menschen hier leben und er antwortet etwas traurig „vom Koka-Anbau“. Er meint, die Leute hier seien faul geworden. Sie wollen nicht arbeiten. Der Koka-Anbau bringt ihnen das zehnfache Entgelt als das Anbauen von zum Beispiel Reis und gibt praktisch nichts zu tun. Einmal gepflanzt, hält sich der Strauch einige Jahre, braucht wenig Zuwendung und die Blätter wachsen dreimal im Jahr nach. Koka ist in Bolivien ein beliebtes, tief in der Kultur verwurzeltes Kraut, welches auch in ihren Ritualen Verwendung findet. Koka hilft gegen die Höhenkrankheit, unterdrückt den Hunger, hat viel Kalzium sowie viele andere gute Eigenschaften. Hier wird Koka gekaut oder als Tee  getrunken. Man bekommt die Blätter, in grünen Tüten verpackt, an jeder Ecke.

Kokablätter zum Trocknen ausgelegt

So wird Koka in diesem Land völlig legal angebaut, was der US-Regierung, die hier verschiedene Projekte finanziell unterstützt, ein Dorn im Auge ist. Die Amerikaner hätten gerne, dass die Plantagen vernichtet werden, womit die Bolivianer natürlich nie einverstanden sein werden. Die bolivianische Regierung versucht die Plantagen in „Grenzen“ zu halten. In den Medien wird immer wieder bekanntgegeben, wieviele Hektare an Plantagen offiziell (weniger) existieren.

Was uns nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass man das fruchtbare Land mit der Monokultur auslaugt und, dass die Kokabauer zu faul sind um ihre eigenen Lebensmittel zu produzieren und sich somit in die Abhängigkeit begeben. Es ist unglaublich aber wahr, dass in diesem fruchtbaren Umfeld, alle Konsumgüter aus dem weit entfernten Cochabamba her gebracht werden. So werden wir von Berghang zu Berghang mit den verschiedenen Lebenseinstellungen konfrontiert.

Wir bleiben in dieser schönen Vollmond-Nacht auf 1‘150 Meter unterhalb einer langen Brücke stehen, in einem Flussbett, das in der Regenzeit viel Wasser mit sich führt.

Schmuggelort unter der Brücke

Während ich am frühen Morgen in meiner Penthouse-Suite inspiriert an einem Bericht schreibe, sehe ich in der Ferne vier Männer, welche mit einer Machete auf der anderen Seite des Flusses in unsere Richtung zu Fuss unterwegs sind. Mein Adrenalinspiegel steigt. Angestrengt gucke ich durch das Gitterfenster und versuche mir einzureden, dass sie nur neugierig sind und nichts von uns wollen, aber was tun sie hier am Fluss? Ich alarmiere Mike, der unten in seinem Reich friedlich vor sich hin schlummert.

Mike schaut zum Fenster raus und meint, so lange sie nicht über den Fluss kommen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ich mache das Gitterfenster weg und winke ihnen zu. sie winken zurück und bleiben kurz am Ufer stehen, als würden sie in Erwägung ziehen, über den Fluss zu gehen, nach einer Weile drehen sie aber ab und gehen weiter Flussaufwärts. Ich bin erleichtert. Etwas später nähert sich von der anderen Seite ein Lastwagen. Der Fahrer steigt aus und kommt zu Fuss um zu prüfen ob er hier den Fluss überqueren kann (oder etwa um uns zu checken?), er entscheidet sich aber für einen Weg oberhalb der Brücke.

In Schritttempo fährt er über die grossen Steine und trifft dann später auf die vier Machetenträger mit denen er sich kurz unterhält. Mike beobachtet sie weiter mit dem Feldstecher. Sie hatten ihr Fahrzeug auf der Brücke stehen gelassen und sich zu Fuss zum Fluss begeben. Dann sehen wir wie sich zwei der vier Männer unter die Brücke begeben um im Gerüst etwas zu hinterlassen oder herauszuholen. Kurze Zeit später steigen sie in ihr Fahrzeug und fahren los. War das eben eine Drogenkurier-Aktion? Vermutlich. Wir wissen es nicht und es ist auch gut so.

wir stehen unterhalb der Brücke

Weiter geht es für uns wieder hoch auf 2‘200 Meter. Wir kommen an verschiedene kleine Dörfer vorbei. In Irupana tanken wir wieder bei einer YPFB-Tankstelle, diesmal zu 8 Bolivianos und bekommen in diesem abgelegenen Ort eine ordentliche internationale Abrechnung. Im Dorf kaufen wir Milch, Brot und Kekse ein.

hier gibt es Brot zu kaufen

An vielen Orten sind Menschen versammelt und feiern, einige von ihnen haben schon tief ins Glas geschaut. Ein paar Frauen tragen schöne Trachten und tanzen. In einem anderen Dorf führen Schulkinder auf dem Dorfplatz typische einheimische Tänze vor. Wir parken das Auto und setzen uns zu den Zuschauern, die uns interessiert mustern, aber keine Fragen stellen. Doch leider ist die Vorführung schnell zu Ende und es geht nur noch um die Preisverteilung.

tanzende Cholitas in einem der kleinen Dörfern

Nach einer weiteren Flussdurchquerung geht es sehr steil bergauf. Da steht eine Cholita am Strassenrand und möchte mitgenommen werden. Sie steigt neben uns in die Fahrerkabine ohne ihr, am Rücken gebundenes, farbiges Tragetuch abzunehmen. Sie heisst Aleja und arbeitet auf einem der Felder auf dem Weg nach Coripata. Zwei ihrer erwachsenen Kinder leben in Argentinien und Brasilien. Der jüngere Sohn erwartet uns vor ihrem Haus mit einem Krug Orangensaft, den er in ein Glas schenkt und uns durch das offene Autofenster anbietet. Es ist uns bis heute ein Rätsel, wie er wissen konnte, dass wir seine Mutter mitbringen.

Es ist schon wieder dunkel als wir ca. fünfzig Kilometer vor Coroico an einem Flüsschen stehen bleiben. Am Morgen staunen wir nicht schlecht, als ein Auto hinter uns hupt um an uns vorbeizukommen. Wir haben doch in der Dunkelheit soweit wir sehen konnten, keinen Weg gesehen. Wohin möchten sie denn, wundern wir uns? „Wir wollen das Auto waschen, dürfen wir bitte vorbei?“. Nachdem wir zur Seite fahren, können wir beobachten wie im Verlaufe der nächsten Stunde vier weitere Fahrzeuge ankommen um ihre Wäsche und die Autos in dem kleinen Fluss zu waschen.

Wir standen diese Nacht also so zu sagen auf der Waschstrasse. Eine Frau erklärt uns, dass sie in ihrem Haus kein Wasser haben und deshalb hierher kommen. Nach unserem Frühstück zeigen wir interessierte „Waschgänger“ unser Reisemobil. Im Gegenzug dürfen wir ein Auge reinwerfen in ein Fahrzeug, an dem die Lenkung von rechts nach links umgebaut wurde. Wie wir erfahren, werden viele alte Toyota-Fahrzeuge aus Japan nach Bolivien günstig abgegeben. Die Umrüstung von diesen Fahrzeugen wird hauptsächlich in Oruro vorgenommen für umgerechnet 200 USD. Ach, wenn wir einen guten Handwerker kennenlernen, würden wir auch gerne unser Fahrzeug umrüsten, doch was wir bisher an Umbauten gesehen haben, überzeugt uns noch nicht.

Unsere spannende Tour durch die von Touristen wenig frequentierte Strecke: Quillacollo, Independencia, Inquisivi, Coripata, Chulumani endet vorerst in Coroico… genauso wie dieser Bericht.

Bis bald meine Freunde!

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2 Antworten to “Begegnungen”

  1. Gerd Schulz 27/10/2012 um 6:12 am #

    Hallo ihr beiden,
    wie immer lese ich mit begeisterung euren Reisebericht und muss einfach sagen das ihr mein Bild von Südamerika doch sehr verändert.
    Bisher war ich immer der Meinung das ganz Südamerika aus armen Hütten und Gangstern besteht.
    Ja Ja ich weiß das ist ein Klischee, aber leider leben wir in einer Welt in der uns die Medien nur das zeigen was wir sehen und hören wollen.
    Doch eure Reise zeigt ein ganz anderes Bild von den Ländern und den Leuten die dort leben.
    Und ich immer wieder überrascht wieviel Menschlichkeit und Hilfbereitschaft es auf der Welt gibt, wenn man es zulässt und sich auf die Leute einlässt.
    In unserer Gesellschaft ist sich leider nur jeder Selbst der nächste und wenn man jemandem helfen möchte denk dieser dann doch nur was man dafür haben will.
    Anstatt sich das zum Vorbild zu nehmen und anderen auch einfach nur so zu helfen.

    So viel Bla Bla nun noch das WICHTIGSTE.
    Zum ersten Vielen Dank für den wirklich interesanten Blog und die wirklich tollen Bilder
    ( Gerne mehr )
    und zum zweiten noch mehr DANK für die Aufklärungsarbeit über die Länder, die Ihr bereist und uns damit näher bringt.

    Viele Lieben Grüße
    aus dem kalten Deutschland
    Gerd

    • avelezsun 30/10/2012 um 7:26 pm #

      Lieber Gerd,
      ich hoffe, Du bekommst diesmal die Antwort auf deinen Kommentar.
      vielen herzlichen Dank fuer Deine Worte. Wir freuen uns sehr! dass Du die Berichte liest und interessant findest. Es ist in der heutigen Zeit nicht selbstverstaendlich bei solcher Informationsflut, einen Blog zu verfolgen, der so lange Texte beinhaltet. Ich bin bemueht mich kurzzufassen und doch gibt es manchmal das eine oder das andere, was ich erwaehnenswert finde oder Mike findet bei der Korrekturlesung, dass man etwas naeher erklaeren sollte. Und so werden die Texte immer ausfuehrlicher und wir geraten laenger in Verzug… ich verliere aber nicht die Hoffnung eines Tages aufzuholen ;o)
      Du moechtest noch mehr Fotos!… ich dachte, es sind schon soooo viele. Manchmal pro Artikel 80! Aber nun gut… Mal sehen, was sich machen laesst.
      Wir fuehlen uns begleitet durch Eure Kommentare, vielen lieben Dank! liebe Gruesse aus Zorritos, im Norden Perus

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