Dschungelfahrt

27 Aug

Seit Wochen freue ich mich auf den Besuch des Urwalds. Tage vor der Abreise reserviere ich einen Platz bei Yungueña, für den Reisebus, der um ca. 14 Uhr in Yolosita anhält um Passagiere ein- und aussteigen zu lassen, auf der Fahrt zwischen La Paz und „Rurre“ (Rurrenabaque).

Von Coroico nach Yolosita fährt man mit einem Trufi (Sammeltaxi), die Fahrt ist in meinem Ticketpreis inbegriffen. Ich soll um 13 Uhr zum Schalter kommen, die Fahrt nach Yolosita dauere nur 15 Minuten, aber das Eintreffen des Reisebusses könne man nicht einschätzen.

Fahrt mit einem Trufi von Coroico nach Yolosita

Mit einem kleinen Rucksack bestückt, bin ich bereit für das Abenteuer. Mike begleitet mich am Sonntagmittag zum Yungueña-Büro. Wir sind pünktlich. Zwei junge Frauen mit grossen Tramper-Rucksäcken stehen bereit um ihre Plätze im Trufi zu belegen. Der Verkäufer drückt mir 5 Bolivianos in die Hand für das Sammeltaxi sowie einen handgeschriebenen Zettel mit dem Namen des Buschauffeurs und der Busbezeichnung wie Farbe, Marke und Schildnummer. Das Busticket habe ich ja schon.

Das Sammeltaxi ist bis zum Dach voll. Mike und ich umarmen uns und nehmen voneinander Abschied. Das fühlt sich ganz komisch an. Zum ersten Mal seit Beginn der Reise werden wir für einige Tage getrennt sein. Als ich dann in den Trufi einsteigen möchte, sagt der Fahrer, er hätte keinen Platz für mich. „Wie? Ich habe doch reserviert!“ Nervös gehe ich die wenigen Schritte zum Verkäufer zurück und dieser sagt: „Tja, sie sind halt spät gekommen“. Ich wehre mich, „Ich war um 13 Uhr wie vereinbart da! Und ich habe doch eine Reservation!“ Daraufhin sagt er, „die Reservation ist für den Reisebus und nicht für den Trufi.“ Das darf ja wohl nicht wahr sein, oder? – südamerikanische Logik.

Wie in einer Sardinenbüchse eingequetscht, fahren die zwei Backpackers im Trufi mit. Die Rucksäcke müssen sie auf dem Schoss tragen, weil der Kofferraum und der Dachgepäckträger schon überfüllt sind. Der Verkäufer macht den Laden zu und versucht auf der Strasse einen anderen Fahrer für mich aufzutreiben, anscheinend ist es ihm doch nicht recht, dass ich noch da stehe. Jedes vorbei fahrende Fahrzeug wird angequatscht. Dann findet er jemanden, der aber erst in 10 Minuten fahren will und am Strassenrand parkt, um auf etwas oder jemanden zu warten. Ich steige ein und sitze wie auf Nadeln, was wenn der Reisebus vor 14 Uhr in Yolosita ankommt?

Als ein weiterer Minibus hält, steige ich um. Neben mich setzt sich ein Junge, der mit seinem Handy DJ spielt und laut Musik hört. Wir fahren gleich los und ich winke Mike zum Abschied. Am Dorfausgang steigt ein älterer Mann zu uns ein, und ein Sitz wird für ihn aufgeklappt. Keine 50 Meter später hält der Fahrer wieder an, diesmal zum Tanken. Neeeein, bitte nicht!… Nicht noch mehr Verzögerung! sage ich zu mir. Aber zum Glück geht das Tanken zügig und wir können gleich wieder auf die grob gepflasterte Strasse fahren. Aber keine 2 Minuten später halten wir schon wieder an. Unser junger DJ steigt auch schon wieder aus und nach einigen Kurven auch der ältere Herr. Ich sehe weder ein Haus noch einen Weg und so verschwindet der alte Mann einfach im Gebüsch.

Nach endlosen 20 Minuten kommen wir in Yolosita an und ich kann von weitem erkennen, dass ein blauer Yungueña-Bus bereits da steht. Die zwei jungen Backpackers aus Coroico stehen neben dem Bus, dann setzen sie sich aber gleich wieder auf die Strasse. Ich beeile mich aus dem Minibus, drücke dem Fahrer die 5 Bolivianos in die Hand und während ich „gracias Señor!“  rufe, renne ich auch schon zum Bus. Aber nein, das ist auch nicht meiner. Die Farbe stimmt zwar, die Marke kann ich nicht ganz definieren, aber die Autonummer stimmt definitiv nicht mit der Handnotiz überein.

Warten am Strassenrand einer Hauptroute

Ich unterhalte mich mit Sabine und Judith, die Backpackers aus Coroico. Beide sprechen hervorragend spanisch. Sabine kommt aus Deutschland. Sie hat für ein Entwicklungsprojekt in La Paz während der letzten Monate gearbeitet. Judith ist aus Frankreich. Sie hat ihr Studium zum Bauingenieur während einem Austauschsemester im letzten halben Jahr in Chile ergänzt. Das mündliche Schlussexamen steht Judith noch bevor, sie wird dieses telefonisch aus Rurrenabaque absolvieren. Unglaublich, was heutzutage alles möglich ist!

Die jungen Frauen möchten für drei Wochen als Volontäre in einem Urwaldprojekt arbeiten, danach trennen sich ihre Wege, Judith fährt Richtung Argentinien bzw. Patagonien; Sabine Richtung Peru, Ecuador und Kolumbien.

Wir stehen bzw. sitzen neben der Strasse und schauen dem vorbei fahrenden Verkehr nach. Busse anderer Gesellschaften fahren an uns vorbei, unserer lässt aber auf sich warten. Was, wenn der Bus  nicht kommt? Mir wurde im Touristenbüro erzählt, dass ein Teil der Strecke ab einer gewissen Zeit für Unterhaltungsarbeiten gesperrt wird. „Doch, doch, der kommt“, sagen die Mädels. Der andere  Chauffeur habe gesagt, unserer sei auf dem Weg. Um uns herum ist viel los, Leute steigen ein und aus. Jedes vorbei fahrende Fahrzeug muss am Kontrollposten die Tickets der letzten Mautstelle sowie den Führerschein vorzeigen. Nebenbei decken sich die Leute ein mit Süssigkeiten aus den vielen Ständen, die schlussendlich alle dasselbe anbieten: Getränke, Süsskram und Cocablätter. Warum bietet keiner belegte Brote an?

Eindrücke einer Busfahrt zum bolivianischen Regenwald

Dann endlich kurz vor 16 Uhr kommt unser Bus an und wir dürfen einsteigen. Im Bus sitzen zwei weitere Touristen und viele Einheimische, die die Tortur der 14-stündigen Reise auf einer holprigen, kurvenreichen Schotterpiste auf sich nehmen, in einem Bus OHNE Toilette. Das kann man sich in Europa doch gar nicht vorstellen?!

Beim Ticketkauf hatte ich mich erkundigt, ob denn der Bus regelmässig Toilettenpausen einlege. „Ja, ja“, war die Antwort der Verkäuferin. „Wie oft?“ wollte ich wissen. „Ach, der Fahrer stoppt immer wieder und wenn nicht, kannst Du an die Türe klopfen, damit er hält.“ Tolle Sache, dachte ich, damit mir alle Reisende beim Pinkeln auf offener Strasse zugucken? Ich werde bestimmt nicht die sein, die an die Türe klopft… oh je, wenn das nur gut geht!

Nichts desto trotz lasse ich mich auf die Mordsreise ein, denn ich möchte unbedingt in den Regenwald und die Alternative mit dem Flugzeug von La Paz aus, steht für mich nicht zur Diskussion. Ich will den Regenwald möglichst erhalten und nicht die Umwelt mit zusätzlichen vermeidbaren Co2 Emissionen belasten.

Beim Einsteigen bin ich froh, dass zumindest die Platzreservation geklappt hat. Mein Sitz Nummer 5 am Fenster ist frei. Busfahrten auf kurvenreichen Strassen wecken in mir schlimme Kindheitserinnerungen. Ich weiss noch, wie ich als 8-jährige in Begleitung meines Vaters, auf einer langen Busfahrt in Kolumbien von Cali nach Santa Marta während der ganzen Reise, die (Entschuldigung) Kotztüte bedient habe. Noch heute bekomme ich Brechreiz beim Geruch einer warmen Agua de Panela (Rohrzuckerwasser), das einzige Getränk was man in den Berggegenden Kolumbiens auf der Busreise angeboten bekam.

Solange ich die Strasse vor uns sehen kann, geht es mir gut und mein Sitz in zweiter Reihe gewährt mir Einblick nach vorne, so fühle ich mich wohl. Die Reisebusse in Bolivien sind bei weitem nicht so modern wie in Argentinien oder Chile, aber das hat den Vorteil, dass die Busse nicht klimatisiert sind und sich die Fenster öffnen lassen. Der Nachteil der offenen Fenster ist, dass die Leute ihren Müll durch diese werfen! Ich rege mich tierisch auf, wenn ich das sehe. Ich weiss nicht, was sich diejenige überlegen, ob sie überhaupt was überlegen. Am liebsten würde ich lauthals schreien und schimpfen, aber ich bezweifle, dass die Leute dadurch zur Vernunft kommen würden. Während der langen Fahrt überlege ich fieberhaft, wie ich mich verhalten soll, wie kann man die Leute dazu bringen sich respektvoll und dankbar gegenüber Mutter Erde zu verhalten?

Ich rufe in mein Bewusstsein frühere Busfahrten und den damaligen Umgang mit Müll. Vor meinem inneren Auge steht der Reisebegleiter im Luxusbus von Buenos Aires nach Capilla del Monte, wie er nach dem  Verteilen des Abendessens, die Verpackungen wieder einsammelt. Im weniger luxuriösen Bus von Capilla nach Rosario liegen die Sandwichboxen trotz vorhandenen Abfalleimern am Boden verstreut. Dort waren die Fenster versiegelt. Hätten die Reisenden bei nicht versiegelten Fenstern, den Müll auch raus geworfen? Warum tut Mann das? Ich möchte nicht wissen, wie unser Planet aussehen würde, wenn sich in den Flugzeuge die Fenster öffnen liessen!

Obwohl, wenn ich richtig darüber nachdenke, frage ich mich, ob es nicht schon so weit ist, denn unser Erdorbit ist doch voll mit Weltraummüll und unsere Meere führen Tonnen von Abfälle mit sich.

Dieser rücksichtslose Umgang mit der Umwelt ist keineswegs nur auf Lateinamerika beschränkt. Immer wieder haben auch in Australien Autofahrer und besonders LKW-Fahrer ihren Müll aus dem Fenster geworfen. Viele Besucher liessen ihren Abfall in Camping- und auf öffentlichen Plätzen oder sogar in den Nationalparks liegen. In den letzten Jahren kann man sogar in der Schweiz, die für Sauberkeit weltweit hoch gerühmt wird, beobachten, wie in Parks Müll liegen gelassen wird, ja sogar im Wald Abfall deponiert!

Ich gehe also davon aus, dass diese Haltung nicht nur mit Bildung zu tun hat. Während unserer Reise durften wir auch sehen, wie Urvölker, die einst einen starken Bezug zur Mutter Natur hatten, wie z.B. die Aborigines, in Abfallmulden leben. Indigene Völker in Bolivien und Peru verhalten sich nicht viel anders. Woran kann das liegen? Wir wissen es nicht, aber dieser Umstand macht uns sehr traurig.

Nachdenklich lasse ich die saftig grüne Landschaft an mir vorbeiziehen. Gerne würde ich ein paar Fotos davon machen, aber ich Idiot, habe vergessen den Fotoapparat einzupacken. Kann man sich das vorstellen? Ich fahre zu einer Naturreserve in den Regenwald und vergesse die Kamera  mitzunehmen. So beschränke ich mich darauf, genauer zu beobachten und mir das gesehene so gut es geht einzuprägen.

Auf der zum Teil einspurigen Schotterbahn hält der Bus mehrmals an oder fährt teilweise rückwärts um entgegenkommende Reisebusse oder mit Baumstämmen beladene Lastwagen den Vortritt zu gewähren. Der Chauffeur fährt dabei äusserst vorsichtig und präzise, steht teilweise ganz dicht am Abgrund. Auf dieser Strasse herrscht Linksverkehr, wie auf der carretera de la muerte, so hat man den Abhang besser im Griff. Ich bin erleichtert, dass unser Busfahrer kein Raser ist, man hört und liest Horrorgeschichten über die aggressive Fahrweise. Ich fühle mich dadurch sehr wohl und fahre entspannt mit.

Wir fahren zwischen grünbewaldete Berge Richtung Osten. Unten im Tal erkennt man einen Bach. Auf dem gegenüber liegenden Hang sind ab und zu einzelne Häuser zu sehen, aber keine Strassen. Ich frage mich wie man dorthin kommt und kurze Zeit später wird meine Frage auch beantwortet – per Seilbahn wie man sie auf dem Kinderspielplatz kennt. Ich hätte gerne gesehen, wie jemand sich von einem Hang zum anderen abseilt und passe auf dem weiteren Weg auf, ob ich welche sehe. Seilbahne gibt es mehr als eine, aber Menschen sind leider weit und breit keine zu finden.

Den ersten Halt gibt es drei Stunden später in Caranavi. Der Chauffeur kündigt eine 30-minütige Pause an für Verpflegung und Toilette. Mittlerweile ist es 19 Uhr und gleich wird es dunkel. Der Platz neben mir wird nun von einem korpulenten, älteren Herrn besetzt. Also ist es vorbei mit dem bequemen seitlich liegen. In einem Flugzeug würde man von Turbulenzen sprechen, bei dieser Fahrt hört das Geholper nicht auf. Lesen oder Schlafen liegt für mich nicht drin. Die einzige für mich mögliche Beschäftigung ist ein Hörbuch, denn wegen der Dunkelheit ist Landschaft betrachten nicht mehr möglich.

Der Chauffeur hält um 23 Uhr in einer Ortschaft an um Passagiere ein- und aussteigen zu lassen und um 3 Uhr zum Tanken. Beim ersten Halt gibt es keine Toiletten. Mitten im Dorf neben dem Bus pinkeln, will ich nicht. Beim zweiten Halt, an der Tankstelle sind die sanitären Anlagen in einem erbärmlichen Zustand – ohne Wasser und verstopft, aber nach 8 Stunden, die einzige Rettung. Die Fahrt während der Nacht geht erstaunlich schnell vorbei, ich muss wohl doch einige Stunden geschlafen haben.

Als ich gegen 6 Uhr aufwache, stelle ich fest, dass wir nicht mehr in den Bergen sind, die Luft wärmer,  feuchter und die Vegetation üppiger geworden ist. Die Häuser sind statt aus Adobe, aus Holzbretter oder aus Bambus gebaut. Gegen 8 Uhr kann ich es kaum noch einhalten, und überlege mir, nun doch an die Fahrertüre zu klopfen. Da erreichen wir ein Dorf. So habe ich die Hoffnung, dass wir hier noch halten und tatsächlich…. Juheee! Wir sind endlich in Rurrenabaque angekommen. 16 Stunden nach dem Einsteigen in Yolosita. Nichts wie raus! Meine erste Frage lautet: Wo ist hier die nächste Toilette?

Uffff Ahhhh… Jetzt kann endlich das eigentliche Dschungelabenteuer beginnen!

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