Action zum Abschluss

20 Sep

Getrieben von der Angst in eine gewalttätige Demonstration zu geraten, fahren wir frühmorgens Richtung La Paz. In einem Vorort auf ca. 3‘700 Meter Höhe erledigen wir zügig die nötigen Botengänge und Einkäufe und umfahren anschliessend das Zentrum in grossen Bögen, so dass wir über El Alto (ca. 4‘300 M.ü.M.) nach einigen Irrfahrten, welche in Sackgassen enden oder kreuz und quer über Felder führen, schliesslich doch auf die Hauptstrasse kommen, die zur peruanischen Grenze führt, ohne wirklich in der Stadt gewesen zu sein.

noch nicht ganz über dem Berg auf ca. 4300 MüM.

Unser nächstes Ziel vor Peru heisst Tiwanaku, die wichtigste archäologische Stätte Boliviens, ca. 30 km vor der Grenze. Diese erreichen wir bei Abenddämmerung. Das Dorf ist wie ausgestorben, keine Menschen zu sehen und auch keine Schilder, die den Weg zu dieser wichtigen Inka-Ruine weisen. Immerhin finden wir ein Hotel, in dem wir nach einer Campingmöglichkeit auf dem Parkplatz im Innenhof fragen können. Doch leider wird uns dies hier nicht erlaubt, da keine Toilette im Aussenbereich zur Verfügung stehe.

Im Dunkeln fahren wir also auf einem Weg aus dem Dorf heraus und biegen nach einer Weile zweimal nach links über Feldwege ab, so dass wir wieder Richtung Dorf zurückfahren. Wir suchen nach einer Möglichkeit im Freien vielleicht neben einer leerstehenden Adobehütte stehen zu können. Dann wird der Weg immer schmäler, doch Mike fährt trotzdem weiter und sieht nicht, dass er mit dem linken Vorderreifen in einen Wasserkanal fährt. Als ich „Schhh…“ rufe, bleibt er abrupt stehen und schon ist es passiert. Wir stecken fest!

bei Tageslicht wäre uns das sicherlich nicht passiert…

Die linken Räder befinden sich zur Hälfte im Dreck. Das Auto steht schräg. Mit allen Mitteln versuchen wir uns selbst aus dieser misslichen Lage zu befreien. Mike schaltet um auf Vierradantrieb. Damit sollte die Befreiung doch keine Sache sein, denken wir, doch eines der Hinterräder dreht durch.  Wir schaufeln Erde und alles, was wir in der Dunkelheit finden können, in den feuchten Matsch – Steine sind leider keine aufzutreiben. Dann lassen wir etwas Luft aus den Reifen raus. Doch ausser einer kleinen Ruckbewegung – kein Erfolg. Anschliessend kommt unser „Recovery-Set“ zum Einsatz, welchen wir erst einmal in Australien benutzt hatten, als wir am Nine Mile Beach auf einem Baumstamm hängen blieben.

damaliger Einsatz des „Recovery Sets“ am Nine Mile Beach

Der Luftsack, der aus einem stabilen Kunstgewebe besteht, dient als Wagenheber. So wird mittels Luft aus dem Auspuff, der Luftsack aufgeblasen um das Auto in die Waagerechte zu bringen, was uns ziemlich gut gelingt, dann versucht Mike unter dem Auto den metallischen Wagenheber aufzustellen um den Wagen noch höher zu bekommen. Doch das Gelände ist viel zu weich. Wir versuchen dies einpaar Mal bis der Luftsack platzt und wir von oben bis unten schwarz vom Russ da stehen!

Inmitten dieser Rettungsaktion läuft eine Bäuerin an uns vorbei und empfiehlt uns, gleich am frühen Morgen in die Gemeindeverwaltung zu gehen, um um einen Laster zu bitten, der uns rauszieht. Die Gegend sei sehr ruhig, wir brauchen uns hier keine Sorgen zu machen, sagt sie. Wir bedanken uns bei der alten Dame für den guten Tipp und geben unsere Bemühungen nach fast drei Stunden Kampf demotiviert auf. Dann räumen wird das Auto etwas um und ein, damit wir trotz Schräglage darin schlafen können. Mike möchte doch nicht das Auto hier alleine stehen lassen um ins Hotel zu gehen. Auf diese schräge Weise verbringen wir die letzte Nacht auf bolivianischem Boden.

Wir schlafen erstaunlich gut. Noch vor 8 Uhr marschieren wir zum Gemeindehaus, welches sich nur vier Blocks entfernt, schnurstracks  geradeaus von unserem Standort befindet. Von weitem können wir einen Bagger sehen und zwei Menschen, die sich auf dem Dorfplatz unterhalten. Ich spreche sie an und schildere die Situation, keine Minute später sitze ich im Bagger und dirigiere den Fahrer Rolando zu unserem Standort. Wir seien gerade rechtzeitig gekommen, sagt er. Eben wollte er auf die Baustelle fahren, in der er arbeitet. Glück gehabt!

juhuii… ich darf mitfahren!

Mit unserem Abschleppseil wird Dingidi aus dem Kanal herausgezogen und steht im Null Komma Plötzlich gerade auf festem Boden. Wer hätte gedacht, dass das Problem so schnell behoben wird! Überglücklich stehen wir da und winken Rolando zu, der mit dem eben verdienten Trinkgeld auch glücklich zu sein scheint und weiter zur Arbeit fährt.

Rausziehen innert Sekunden

Bevor wir losfahren, schaltet Mike den Vierradantrieb aus und will aus dem Auto aussteigen um die Locks wieder freizumachen, da fällt ihm auf, dass er diese gestern in der ganzen Aufregung vergessen hatte zu fixieren! Kein Wunder also, dass sich Dingidi nicht bewegt hat. Das ärgert ihn jetzt masslos und ist ihm sehr, sehr peinlich! So viele Male haben wir den Vierradantrieb benutzt und als wir wirklich in eine kritische Situation geraten, vergessen wir beide die Locks reinzumachen.

Mit dem Gefühl „versagt“ zu haben, machen wir uns auf die Suche nach einer Llanteria, wo wir die Reifen aufpumpen lassen wollen. In Bolivien findet man in den Tankstellen keine Luft zum Aufpumpen. Dies ist noch der Job des Reifenflickers, denn damit verdient dieser noch einpaar Bolivianos.

Reifen aufpumpen in der Llanteria

Als dies erledigt ist, geht die Suche weiter nach den Ruinen, die auch bei Tageslicht nicht so leicht zu finden sind, obschon das Dorf winzig klein ist. Wir fragen uns durch und sehen dann doch ein Schild keine 20 Meter vom Hotel entfernt, wo wir gestern nach der Campingmöglichkeit gefragt hatten. Auf dem Parkplatz der Ruinen steht ein Rollendes Hotel aus Deutschland. Wären wir also nur 20 Meter geradeaus vom Hotel weitergefahren, wäre uns die Panne erspart geblieben und wir hätten nicht alleine geschlafen, aber dann hätten wir vielleicht nicht so viel zu erzählen, bzw. ich nicht so viel zum Schreiben, nicht wahr?

das deutsche rollende Hotel

Während ich das Museum und die archäologische Stätte besichtige, unterhält sich Mike mit Rolf, dem netten Fahrer des Rollenden Hotels. Mike erfährt, dass sich in Südamerika mehrere solche Busse gleichzeitig auf Tour befinden. Diese werden für jede Tour nach Buenos Aires verschifft. Nicht überall schlafen die Gäste im Bus, so sind sie in solchen Höhen in Hotels untergebracht, vermutlich wegen der Kälte. Sie sind wie wir Richtung Peru unterwegs.

Im Museum sind einige der Fundstücke aus dieser Inkastätte ausgestellt wie Keramikschüssel, Werkzeuge und Jagdobjekte aus Stein. Fotos darf man leider keine schiessen. Das imposanteste zu sehen ist ein ca. 5 Meter hoher Steinblock, welcher Mitten in einem gedeckten Raum steht. In den Ruinen kann man la puerta del sol (das Sonnentor), la puerta de la luna (das Mondtor) sowie weitere Monolithen sehen und verschiedene Kolosseen. Es wird immer noch nach Fundstücke gegraben oder weitere Plätze rekonstruiert.

das Sonnentor

Die Information, die hier vermittelt wird ist sehr dürftig, obwohl internationale Preise von Ausländern kassiert werden. Für Einheimische ist der Eintritt erschwinglich. Ausländer bezahlen 80 Bolivianos, was sehr viel Geld ist für bolivianische Verhältnisse. Ich bin enttäuscht, denn die Stätte gilt als eine der wichtigsten auf dem Inkaweg. Tatsächlich sind hier einige Touristen mit eigenem Reiseführer unterwegs und vermutlich werden es bald mehr sein, denn ein amerikanisches Fernsehteam dreht zur Zeit einen Dokumentarfilm über Tiwanaku.

Filmaufnahmen in Tiwanaku

Wir fahren vor dem Rollenden Hotel weiter. Auf der ganzen Fahrt zur Grenzstadt Desaguadero kommen wir an verschiedene Tankstellen vorbei, die uns aber nicht bedienen wollen, weil sie angeblich keinen Rechnungsblock für ausländische Fahrzeuge hätten. Meine Bitten werden höflich verweigert, mit der Begründung, Videokameras seien überall angebracht und sie dürfen keine ausländischen Fahrzeuge ohne Spezialrechnung bedienen. So müssen wir halt in Peru mit etwas weniger als einen halben Tank Diesel einreisen.

Auf der kurzen Strecke zur Grenze machen wir gleich zweimal eine schlechte Erfahrung mit der bolivianischen Polizei. Vor dem Dorf Desaguadero winken uns drei Uniformierte raus, damit wir uns in ihr Kontrollbuch eintragen. Ich begleite einen Polizisten mit  Mikes Führerschein ins Büro, dieser beharrt aber auf Mikes Anwesenheit. Nach dem Eintrag verlangt er von uns 10 Bolivianos. Ich frage ihn warum, denn wir seien seit 80 Tagen in Bolivien unterwegs und hätten nie zahlen müssen für einen Eintrag. Daraufhin zeigt der Uniformierte auf sein Motorrad und meint, er brauche Geld für das Benzin! Höflich winken wir ab und gehen aus dem Büro. Draussen halten die anderen Polizisten in diesem Augenblick das Rollende Hotel an. Wir winken Rolf zu, steigen in unser Fahrzeug ein und fahren weiter. Der Polizist bleibt sprachlos auf der Strasse zurück.

Das zweite negative Erlebnis läuft an der Grenze ähnlich ab. Nachdem wir bei der Migration den Ausreisestempel erhalten und bei einem freundlichen Zöllner die Formalitäten für das Auto erledigen, pfeiffen uns drei Polizisten zu ihnen ins Büro, verlangen von uns die Papiere, die wir beim Zoll eben abgeben mussten?! Wir zeigen eine Kopie davon, auf welcher sie einen Stempel und eine Unterschrift auf die Rückseite anbringen, damit wir keine Probleme in Zukunft hätten, wie sie sagen.

Mittlerweile kommt ein anderer Polizist rein, der uns darüber informiert, dass es in Bolivien nicht erlaubt sei mit verdunkelten Scheiben zu fahren. Ich erkläre ihm, dass wir eine temporäre Fahrerlaubnis haben, die in ihrem Land dreimal bewilligt wurde und die bis zum 30. September gilt. Nach weiteren Versuchen, uns Geld aus der Tasche zu ziehen, zieht er mürrisch ab. Die anderen Polizisten verlangen für das abgestempelte Papier und für den Eintrag in ihr „Kontrollbuch“ 20 Bolivianos. Wir erklären wieder, dass wir bisher nie für einen Eintrag bezahlen mussten. Nach langem hin und her sagen sie, wir sollen halt geben was wir wollen. Aber wir wollen nicht… so winken wir wieder ab und laufen ohne zu zahlen heraus.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auf der peruanischen Seite steht noch das Rollende Hotel vor uns. Sie sind bereits durch die Migration und erledigen momentan die Zollformalitäten. Auf meine Frage, ob sie was bezahlen mussten bei der bolivianischen Polizei sagt Rolf, dass er immer kleinere Geschenke für die Behörde dabei hätte und somit um das Kassieren herumkomme. Der Reiseführer erklärt uns, dass wenn dies nichts nützt, die Forderung aus der Reisekasse bezahlt würde, nach dem Motto… wer gut schmiert, der gut fährt.

Wir verstehen, dass sie mit ihrer Reisegruppe keinen Ärger provozieren möchten. Wir sind jedoch nicht bereit, diese Art der Korruption zu unterstützen, auch wenn das geforderte für uns „peanuts“ sind. Heute wollen sie von uns 10 Bolivianos und in einem Jahr 100? So läuft doch das Spielchen.

Die peruanische Zollbehörde wurde von Rolf mit einer Handvoll Kugelschreiber beschenkt. Mal sehen, was sie von uns wollen.

Doch unser Misstrauen gegenüber den Peruanern ist hier unbegründet. Sowohl Migration wie auch Zoll wird zügig und freundlich erledigt. Der Polizei begegnen wir noch nicht. Die Strassenmaut wird gleich nach der Barriere kassiert: 5 Nuevos Soles (PEN) = 1,80 CHF.

Neue Währung, neues Land. Bienvenidos al Peru!

Route: Coroico – La Paz – Tiwanaku – Desaguadero

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4 Antworten to “Action zum Abschluss”

  1. Alijew Claudia 17/11/2012 um 2:29 am #

    Guten Morgen ihr Lieben………Was ihr zwei alles so erlebt, unglaublich! Regenwald, Inkabauten, korrupte Polizisten und so weiter und so fort……… da wird es Mann und Frau bestimmt nicht langweilig. Bin in gedanken mit euch verbunden, herzlichst. Claudia

    • avelezsun 18/11/2012 um 9:31 am #

      Vielen liebe Claudia fürs Begleiten! Ja, langweilig wird es uns nicht, auch dann wenn wir mehrere Wochen am selben Ort stehen… Wir finden immer eine Ausrede zum länger bleiben ;-) Morgen geht es aber wirklich weiter nach Ecuador, rein in das nächste Abenteuer. Herzliche Umarmung

  2. Peter 15/11/2012 um 2:08 am #

    Liebe Ana Maria und lieber Mike, ihr seid schon zwei tolle, ungewöhnliche Menschen. Ihr habt, was die meisten nicht haben, MUT. Ich bewundere euch. Bleibt gesund und genießt
    jeden Moment. Ich umarme euch, euer Peter

    Danke für die spannenden Berichte

    • avelezsun 15/11/2012 um 4:39 pm #

      Freude, Freude ;-)
      vielen Dank lieber Peter! Lass es Dir gut gehen!
      Herzliche Grüsse und bis hoffentlich bald

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