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Action zum Abschluss

20 Sep

Getrieben von der Angst in eine gewalttätige Demonstration zu geraten, fahren wir frühmorgens Richtung La Paz. In einem Vorort auf ca. 3‘700 Meter Höhe erledigen wir zügig die nötigen Botengänge und Einkäufe und umfahren anschliessend das Zentrum in grossen Bögen, so dass wir über El Alto (ca. 4‘300 M.ü.M.) nach einigen Irrfahrten, welche in Sackgassen enden oder kreuz und quer über Felder führen, schliesslich doch auf die Hauptstrasse kommen, die zur peruanischen Grenze führt, ohne wirklich in der Stadt gewesen zu sein.

noch nicht ganz über dem Berg auf ca. 4300 MüM.

Unser nächstes Ziel vor Peru heisst Tiwanaku, die wichtigste archäologische Stätte Boliviens, ca. 30 km vor der Grenze. Diese erreichen wir bei Abenddämmerung. Das Dorf ist wie ausgestorben, keine Menschen zu sehen und auch keine Schilder, die den Weg zu dieser wichtigen Inka-Ruine weisen. Immerhin finden wir ein Hotel, in dem wir nach einer Campingmöglichkeit auf dem Parkplatz im Innenhof fragen können. Doch leider wird uns dies hier nicht erlaubt, da keine Toilette im Aussenbereich zur Verfügung stehe.

Im Dunkeln fahren wir also auf einem Weg aus dem Dorf heraus und biegen nach einer Weile zweimal nach links über Feldwege ab, so dass wir wieder Richtung Dorf zurückfahren. Wir suchen nach einer Möglichkeit im Freien vielleicht neben einer leerstehenden Adobehütte stehen zu können. Dann wird der Weg immer schmäler, doch Mike fährt trotzdem weiter und sieht nicht, dass er mit dem linken Vorderreifen in einen Wasserkanal fährt. Als ich „Schhh…“ rufe, bleibt er abrupt stehen und schon ist es passiert. Wir stecken fest!

bei Tageslicht wäre uns das sicherlich nicht passiert…

Die linken Räder befinden sich zur Hälfte im Dreck. Das Auto steht schräg. Mit allen Mitteln versuchen wir uns selbst aus dieser misslichen Lage zu befreien. Mike schaltet um auf Vierradantrieb. Damit sollte die Befreiung doch keine Sache sein, denken wir, doch eines der Hinterräder dreht durch.  Wir schaufeln Erde und alles, was wir in der Dunkelheit finden können, in den feuchten Matsch – Steine sind leider keine aufzutreiben. Dann lassen wir etwas Luft aus den Reifen raus. Doch ausser einer kleinen Ruckbewegung – kein Erfolg. Anschliessend kommt unser „Recovery-Set“ zum Einsatz, welchen wir erst einmal in Australien benutzt hatten, als wir am Nine Mile Beach auf einem Baumstamm hängen blieben.

damaliger Einsatz des „Recovery Sets“ am Nine Mile Beach

Der Luftsack, der aus einem stabilen Kunstgewebe besteht, dient als Wagenheber. So wird mittels Luft aus dem Auspuff, der Luftsack aufgeblasen um das Auto in die Waagerechte zu bringen, was uns ziemlich gut gelingt, dann versucht Mike unter dem Auto den metallischen Wagenheber aufzustellen um den Wagen noch höher zu bekommen. Doch das Gelände ist viel zu weich. Wir versuchen dies einpaar Mal bis der Luftsack platzt und wir von oben bis unten schwarz vom Russ da stehen!

Inmitten dieser Rettungsaktion läuft eine Bäuerin an uns vorbei und empfiehlt uns, gleich am frühen Morgen in die Gemeindeverwaltung zu gehen, um um einen Laster zu bitten, der uns rauszieht. Die Gegend sei sehr ruhig, wir brauchen uns hier keine Sorgen zu machen, sagt sie. Wir bedanken uns bei der alten Dame für den guten Tipp und geben unsere Bemühungen nach fast drei Stunden Kampf demotiviert auf. Dann räumen wird das Auto etwas um und ein, damit wir trotz Schräglage darin schlafen können. Mike möchte doch nicht das Auto hier alleine stehen lassen um ins Hotel zu gehen. Auf diese schräge Weise verbringen wir die letzte Nacht auf bolivianischem Boden.

Wir schlafen erstaunlich gut. Noch vor 8 Uhr marschieren wir zum Gemeindehaus, welches sich nur vier Blocks entfernt, schnurstracks  geradeaus von unserem Standort befindet. Von weitem können wir einen Bagger sehen und zwei Menschen, die sich auf dem Dorfplatz unterhalten. Ich spreche sie an und schildere die Situation, keine Minute später sitze ich im Bagger und dirigiere den Fahrer Rolando zu unserem Standort. Wir seien gerade rechtzeitig gekommen, sagt er. Eben wollte er auf die Baustelle fahren, in der er arbeitet. Glück gehabt!

juhuii… ich darf mitfahren!

Mit unserem Abschleppseil wird Dingidi aus dem Kanal herausgezogen und steht im Null Komma Plötzlich gerade auf festem Boden. Wer hätte gedacht, dass das Problem so schnell behoben wird! Überglücklich stehen wir da und winken Rolando zu, der mit dem eben verdienten Trinkgeld auch glücklich zu sein scheint und weiter zur Arbeit fährt.

Rausziehen innert Sekunden

Bevor wir losfahren, schaltet Mike den Vierradantrieb aus und will aus dem Auto aussteigen um die Locks wieder freizumachen, da fällt ihm auf, dass er diese gestern in der ganzen Aufregung vergessen hatte zu fixieren! Kein Wunder also, dass sich Dingidi nicht bewegt hat. Das ärgert ihn jetzt masslos und ist ihm sehr, sehr peinlich! So viele Male haben wir den Vierradantrieb benutzt und als wir wirklich in eine kritische Situation geraten, vergessen wir beide die Locks reinzumachen.

Mit dem Gefühl „versagt“ zu haben, machen wir uns auf die Suche nach einer Llanteria, wo wir die Reifen aufpumpen lassen wollen. In Bolivien findet man in den Tankstellen keine Luft zum Aufpumpen. Dies ist noch der Job des Reifenflickers, denn damit verdient dieser noch einpaar Bolivianos.

Reifen aufpumpen in der Llanteria

Als dies erledigt ist, geht die Suche weiter nach den Ruinen, die auch bei Tageslicht nicht so leicht zu finden sind, obschon das Dorf winzig klein ist. Wir fragen uns durch und sehen dann doch ein Schild keine 20 Meter vom Hotel entfernt, wo wir gestern nach der Campingmöglichkeit gefragt hatten. Auf dem Parkplatz der Ruinen steht ein Rollendes Hotel aus Deutschland. Wären wir also nur 20 Meter geradeaus vom Hotel weitergefahren, wäre uns die Panne erspart geblieben und wir hätten nicht alleine geschlafen, aber dann hätten wir vielleicht nicht so viel zu erzählen, bzw. ich nicht so viel zum Schreiben, nicht wahr?

das deutsche rollende Hotel

Während ich das Museum und die archäologische Stätte besichtige, unterhält sich Mike mit Rolf, dem netten Fahrer des Rollenden Hotels. Mike erfährt, dass sich in Südamerika mehrere solche Busse gleichzeitig auf Tour befinden. Diese werden für jede Tour nach Buenos Aires verschifft. Nicht überall schlafen die Gäste im Bus, so sind sie in solchen Höhen in Hotels untergebracht, vermutlich wegen der Kälte. Sie sind wie wir Richtung Peru unterwegs.

Im Museum sind einige der Fundstücke aus dieser Inkastätte ausgestellt wie Keramikschüssel, Werkzeuge und Jagdobjekte aus Stein. Fotos darf man leider keine schiessen. Das imposanteste zu sehen ist ein ca. 5 Meter hoher Steinblock, welcher Mitten in einem gedeckten Raum steht. In den Ruinen kann man la puerta del sol (das Sonnentor), la puerta de la luna (das Mondtor) sowie weitere Monolithen sehen und verschiedene Kolosseen. Es wird immer noch nach Fundstücke gegraben oder weitere Plätze rekonstruiert.

das Sonnentor

Die Information, die hier vermittelt wird ist sehr dürftig, obwohl internationale Preise von Ausländern kassiert werden. Für Einheimische ist der Eintritt erschwinglich. Ausländer bezahlen 80 Bolivianos, was sehr viel Geld ist für bolivianische Verhältnisse. Ich bin enttäuscht, denn die Stätte gilt als eine der wichtigsten auf dem Inkaweg. Tatsächlich sind hier einige Touristen mit eigenem Reiseführer unterwegs und vermutlich werden es bald mehr sein, denn ein amerikanisches Fernsehteam dreht zur Zeit einen Dokumentarfilm über Tiwanaku.

Filmaufnahmen in Tiwanaku

Wir fahren vor dem Rollenden Hotel weiter. Auf der ganzen Fahrt zur Grenzstadt Desaguadero kommen wir an verschiedene Tankstellen vorbei, die uns aber nicht bedienen wollen, weil sie angeblich keinen Rechnungsblock für ausländische Fahrzeuge hätten. Meine Bitten werden höflich verweigert, mit der Begründung, Videokameras seien überall angebracht und sie dürfen keine ausländischen Fahrzeuge ohne Spezialrechnung bedienen. So müssen wir halt in Peru mit etwas weniger als einen halben Tank Diesel einreisen.

Auf der kurzen Strecke zur Grenze machen wir gleich zweimal eine schlechte Erfahrung mit der bolivianischen Polizei. Vor dem Dorf Desaguadero winken uns drei Uniformierte raus, damit wir uns in ihr Kontrollbuch eintragen. Ich begleite einen Polizisten mit  Mikes Führerschein ins Büro, dieser beharrt aber auf Mikes Anwesenheit. Nach dem Eintrag verlangt er von uns 10 Bolivianos. Ich frage ihn warum, denn wir seien seit 80 Tagen in Bolivien unterwegs und hätten nie zahlen müssen für einen Eintrag. Daraufhin zeigt der Uniformierte auf sein Motorrad und meint, er brauche Geld für das Benzin! Höflich winken wir ab und gehen aus dem Büro. Draussen halten die anderen Polizisten in diesem Augenblick das Rollende Hotel an. Wir winken Rolf zu, steigen in unser Fahrzeug ein und fahren weiter. Der Polizist bleibt sprachlos auf der Strasse zurück.

Das zweite negative Erlebnis läuft an der Grenze ähnlich ab. Nachdem wir bei der Migration den Ausreisestempel erhalten und bei einem freundlichen Zöllner die Formalitäten für das Auto erledigen, pfeiffen uns drei Polizisten zu ihnen ins Büro, verlangen von uns die Papiere, die wir beim Zoll eben abgeben mussten?! Wir zeigen eine Kopie davon, auf welcher sie einen Stempel und eine Unterschrift auf die Rückseite anbringen, damit wir keine Probleme in Zukunft hätten, wie sie sagen.

Mittlerweile kommt ein anderer Polizist rein, der uns darüber informiert, dass es in Bolivien nicht erlaubt sei mit verdunkelten Scheiben zu fahren. Ich erkläre ihm, dass wir eine temporäre Fahrerlaubnis haben, die in ihrem Land dreimal bewilligt wurde und die bis zum 30. September gilt. Nach weiteren Versuchen, uns Geld aus der Tasche zu ziehen, zieht er mürrisch ab. Die anderen Polizisten verlangen für das abgestempelte Papier und für den Eintrag in ihr „Kontrollbuch“ 20 Bolivianos. Wir erklären wieder, dass wir bisher nie für einen Eintrag bezahlen mussten. Nach langem hin und her sagen sie, wir sollen halt geben was wir wollen. Aber wir wollen nicht… so winken wir wieder ab und laufen ohne zu zahlen heraus.

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Auf der peruanischen Seite steht noch das Rollende Hotel vor uns. Sie sind bereits durch die Migration und erledigen momentan die Zollformalitäten. Auf meine Frage, ob sie was bezahlen mussten bei der bolivianischen Polizei sagt Rolf, dass er immer kleinere Geschenke für die Behörde dabei hätte und somit um das Kassieren herumkomme. Der Reiseführer erklärt uns, dass wenn dies nichts nützt, die Forderung aus der Reisekasse bezahlt würde, nach dem Motto… wer gut schmiert, der gut fährt.

Wir verstehen, dass sie mit ihrer Reisegruppe keinen Ärger provozieren möchten. Wir sind jedoch nicht bereit, diese Art der Korruption zu unterstützen, auch wenn das geforderte für uns „peanuts“ sind. Heute wollen sie von uns 10 Bolivianos und in einem Jahr 100? So läuft doch das Spielchen.

Die peruanische Zollbehörde wurde von Rolf mit einer Handvoll Kugelschreiber beschenkt. Mal sehen, was sie von uns wollen.

Doch unser Misstrauen gegenüber den Peruanern ist hier unbegründet. Sowohl Migration wie auch Zoll wird zügig und freundlich erledigt. Der Polizei begegnen wir noch nicht. Die Strassenmaut wird gleich nach der Barriere kassiert: 5 Nuevos Soles (PEN) = 1,80 CHF.

Neue Währung, neues Land. Bienvenidos al Peru!

Route: Coroico – La Paz – Tiwanaku – Desaguadero

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Begegnungen

3 Aug

Für unsere Tour über die Berge möchten wir vorab unsere Tanks füllen: den Trinkwasser- und den Dieseltank.

Wir halten an bei einem Supermarkt um zwei 20 Liter Flaschen Wasser zu kaufen um damit den Wassertank zu füllen. Der Sicherheitsbeamte des Supermarkts weist uns darauf hin, dass die Pfandflasche, welche wir dabei haben, hier nicht verkauft wird. Damit bekommen wir also keine Flasche verkauft und ohne Pfandflasche – kein Wasser. So muss ich der Verkaufsleiterin erklären, dass ich die Flaschen nur auf den Parkplatz nehmen möchte, um den Inhalt in den Fahrzeugtank zu leeren und die leeren Flaschen gleich wieder zurückbringe. Daraufhin kommen der Geschäftsführer und die Verkaufsleiterin persönlich raus, um die Situation zu erfassen. Sie bewundern unser Dingidi und fragen gleich woher wir kommen und wohin wir fahren und ob uns Bolivien gefällt. Natürlich ist das Umfüllen ohne Pfandflasche dann kein Problem. So steigt gleich der Sicherheitsbeamte aufs Auto um Mike bei der Umfüllaktion mit dem Schlauch zu helfen, dabei erzählt er uns ein bisschen aus seinem Leben. So hilfsbereit!

Beim Diesel haben wir nicht so viel Glück. Scheinbar ist an diesem Sonntag der Diesel ausgegangen in Quillacollo, der Stadt von wo aus wir die geteerte Strasse Richtung Coroico verlassen möchten. Fünf Tankstellen, die wir anfahren, haben nur Benzin. Nach Cochabamba zurückfahren, möchten wir nicht.  So trauen wir uns, mit nur einem dreiviertel vollen Tank, auf den Weg. Unsere Route beträgt nur geschätzte 250 Kilometer (Mikes berechnete Luftlinie), dafür denken wir, sollte der Diesel reichen. Ansonsten können wir ja in einem der kleinen Dörfer auf unserem Weg tanken, oder nicht?

Cochabamba aus der Vogelperspektive

Das Wetter ist an diesem Tag bewölkt. Von ca. 2‘800 Meter Höhe geht es hoch über die Berge. Wir bekommen zunächst einen Blick über das Tal in dem Cochabamba liegt, mit ihren 600‘000 Einwohner und fahren anschliessend höher und höher, will denn dieser Berg nicht aufhören? Wir sind erstaunt, dass es nur noch hoch geht, denn eigentlich haben wir das Gefühl schon auf dem Gipfel zu sein. Auf ca. 3‘700 Meter Höhe bleiben wir stehen und schlagen unser Zelt gleich neben der ungeteerten Strasse auf, möchten nicht noch höher stehen bleiben. In der Nacht hupen viele der vorbeifahrenden Fahrzeuge vorallem die LKW’s. Es scheint sie zu freuen, schlafende Touristen aus dem Schlaf zu reissen.

Stellplatz neben der Strasse auf 3’700 M.ü.M.

Bei Regenwetter setzen wir die Fahrt fort, zunächst höher, dann runter auf 2‘200 Meter, vorbei an einer grösseren Ortschaft namens Independencia, um dann wieder auf 3‘500 Meter zu fahren. Und so fahren wir während den nächsten fünf Tagen über viele Berge hoch und runter, sehen Vicuñas und Kondore auf über 3‘800 Meter, geniessen die grüne Landschaft in tieferen höhen und durchqueren Flüsse, welche während der Regenzeit nicht passierbar sind.

Am dritten Tag kommen wir an viele kleine Dörfer vorbei, einige davon werden durch Kontrollposten mit einem Schlagbaum von Polizisten bewacht. An einem müssen wir uns ausweisen und mitteilen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Da weiss der Polizist nicht so recht was er von uns will. Er verlangt die Ausweise und schaut sie gründlich durch, dann will er einen Blick ins Innere des Fahrzeugs werfen. Er steht da wie angewurzelt und sagt nichts. Bevor er noch auf dumme Gedanken kommt, fragen wir ihn wo sich die nächste Tankmöglichkeit befindet. Nach seiner Beschreibung und kurzem Zögern macht er die Schranke auf und lässt uns ins Dorf rein und durch.

Glücklicherweise brauchen wir Diesel und nicht Benzin, denn hier ist letzterer ausgegangen. Wir bekommen 20 Liter Diesel zu einem für uns günstigen Preis von 5 Bolivianos pro Liter, diesmal aber nicht in einer Tankstelle sondern bei einer älteren Dame, die uns diesen per Kanister zur Verfügung stellt. Daneben steht der Brotkorb. Prima! trifft sich hervorragend, Brot wollten wir auch wieder mal  kaufen.

Diesel nachfüllen per Kanister

Einige Kilometer weiter finden wir auf 2‘070 Meter Höhe einen netten Stellplatz neben einem Flüsschen. Ich halte eine vorbeigehende Cholita an und vergewissere mich, ob es in Ordnung geht, wenn wir hier über Nacht stehen bleiben. Zuerst versteht sie meine Frage nicht, es muss sich für sie komisch anhören, dass man im Auto schlafen will. Ist doch viel zu kalt und unbequem im Auto! Dann aber, als ich ihr erkläre, dass wir dafür ausgerüstet sind, meint sie, das sei doch kein Problem. „Warum sollte es denn ein Problem sein, hier stehen zu wollen?“ Fragt sie mich. Dann wünscht sie uns einen schönen Abend und widmet sich weiter der Suche nach einem verlorenen Huhn.

Dürfen wir hier neben dem Fluss stehen bleiben? Klar, warum denn nicht?

Nette Begegnungen bereichern unsere Reise über die Berge. Für ein kurzes Stück nehmen wir einen Bauern mit, der auf dem Weg ist zu einem Treffen mit seinen Bauernkollegen in der nächsten Comunidad. Er erzählt uns, dass sie hier, auf über 2‘000 Meter Höhe, drei Mal im Jahr Kartoffel ernten können. Sie würden seit sechs Jahren auf chemische Düngemittel verzichten und verkaufen ihre organischen Produkte auf dem Markt in La Paz. Wir hätten ihn noch vieles fragen wollen, doch wir kommen zu schnell an seinem Ziel an. Als er sich verabschiedet, meint Mike, ich soll ihn fragen, ob ich ihn zu diesem Treffen begleiten dürfe, doch ich traue mich nicht so recht und ich gehe davon aus, dass die Einheimischen unter sich quechua sprechen und nicht spanisch.

Im nächsten Berghang, keine 30 Kilometer weiter, nehmen wir einen 60-jährigen Mann mit, der mit einer Machete am Wegrand winkt. Der Herr heisst David Paz. Er war eben damit beschäftigt, Eukalyptusbäume zu fällen, um die Scheune seiner Hühnerfarm zu restaurieren. Die Stämme will er zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Fahrzeug abholen. Seine Familie lebt von der Hühnerfarm und von ein paar Schweinen, die sie züchten. Er beklagt sich über sein linkes Bein, in dem er seit einem Jahr keine Kraft mehr hat. Ärzte gebe es hier keine. Wenn die Menschen krank werden, müssen sie zur Behandlung nach La Paz fahren, was teuer und über acht Stunden weit weg ist.

Gespräch mit David Paz

Ich frage ihn, von was die Menschen hier leben und er antwortet etwas traurig „vom Koka-Anbau“. Er meint, die Leute hier seien faul geworden. Sie wollen nicht arbeiten. Der Koka-Anbau bringt ihnen das zehnfache Entgelt als das Anbauen von zum Beispiel Reis und gibt praktisch nichts zu tun. Einmal gepflanzt, hält sich der Strauch einige Jahre, braucht wenig Zuwendung und die Blätter wachsen dreimal im Jahr nach. Koka ist in Bolivien ein beliebtes, tief in der Kultur verwurzeltes Kraut, welches auch in ihren Ritualen Verwendung findet. Koka hilft gegen die Höhenkrankheit, unterdrückt den Hunger, hat viel Kalzium sowie viele andere gute Eigenschaften. Hier wird Koka gekaut oder als Tee  getrunken. Man bekommt die Blätter, in grünen Tüten verpackt, an jeder Ecke.

Kokablätter zum Trocknen ausgelegt

So wird Koka in diesem Land völlig legal angebaut, was der US-Regierung, die hier verschiedene Projekte finanziell unterstützt, ein Dorn im Auge ist. Die Amerikaner hätten gerne, dass die Plantagen vernichtet werden, womit die Bolivianer natürlich nie einverstanden sein werden. Die bolivianische Regierung versucht die Plantagen in „Grenzen“ zu halten. In den Medien wird immer wieder bekanntgegeben, wieviele Hektare an Plantagen offiziell (weniger) existieren.

Was uns nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass man das fruchtbare Land mit der Monokultur auslaugt und, dass die Kokabauer zu faul sind um ihre eigenen Lebensmittel zu produzieren und sich somit in die Abhängigkeit begeben. Es ist unglaublich aber wahr, dass in diesem fruchtbaren Umfeld, alle Konsumgüter aus dem weit entfernten Cochabamba her gebracht werden. So werden wir von Berghang zu Berghang mit den verschiedenen Lebenseinstellungen konfrontiert.

Wir bleiben in dieser schönen Vollmond-Nacht auf 1‘150 Meter unterhalb einer langen Brücke stehen, in einem Flussbett, das in der Regenzeit viel Wasser mit sich führt.

Schmuggelort unter der Brücke

Während ich am frühen Morgen in meiner Penthouse-Suite inspiriert an einem Bericht schreibe, sehe ich in der Ferne vier Männer, welche mit einer Machete auf der anderen Seite des Flusses in unsere Richtung zu Fuss unterwegs sind. Mein Adrenalinspiegel steigt. Angestrengt gucke ich durch das Gitterfenster und versuche mir einzureden, dass sie nur neugierig sind und nichts von uns wollen, aber was tun sie hier am Fluss? Ich alarmiere Mike, der unten in seinem Reich friedlich vor sich hin schlummert.

Mike schaut zum Fenster raus und meint, so lange sie nicht über den Fluss kommen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ich mache das Gitterfenster weg und winke ihnen zu. sie winken zurück und bleiben kurz am Ufer stehen, als würden sie in Erwägung ziehen, über den Fluss zu gehen, nach einer Weile drehen sie aber ab und gehen weiter Flussaufwärts. Ich bin erleichtert. Etwas später nähert sich von der anderen Seite ein Lastwagen. Der Fahrer steigt aus und kommt zu Fuss um zu prüfen ob er hier den Fluss überqueren kann (oder etwa um uns zu checken?), er entscheidet sich aber für einen Weg oberhalb der Brücke.

In Schritttempo fährt er über die grossen Steine und trifft dann später auf die vier Machetenträger mit denen er sich kurz unterhält. Mike beobachtet sie weiter mit dem Feldstecher. Sie hatten ihr Fahrzeug auf der Brücke stehen gelassen und sich zu Fuss zum Fluss begeben. Dann sehen wir wie sich zwei der vier Männer unter die Brücke begeben um im Gerüst etwas zu hinterlassen oder herauszuholen. Kurze Zeit später steigen sie in ihr Fahrzeug und fahren los. War das eben eine Drogenkurier-Aktion? Vermutlich. Wir wissen es nicht und es ist auch gut so.

wir stehen unterhalb der Brücke

Weiter geht es für uns wieder hoch auf 2‘200 Meter. Wir kommen an verschiedene kleine Dörfer vorbei. In Irupana tanken wir wieder bei einer YPFB-Tankstelle, diesmal zu 8 Bolivianos und bekommen in diesem abgelegenen Ort eine ordentliche internationale Abrechnung. Im Dorf kaufen wir Milch, Brot und Kekse ein.

hier gibt es Brot zu kaufen

An vielen Orten sind Menschen versammelt und feiern, einige von ihnen haben schon tief ins Glas geschaut. Ein paar Frauen tragen schöne Trachten und tanzen. In einem anderen Dorf führen Schulkinder auf dem Dorfplatz typische einheimische Tänze vor. Wir parken das Auto und setzen uns zu den Zuschauern, die uns interessiert mustern, aber keine Fragen stellen. Doch leider ist die Vorführung schnell zu Ende und es geht nur noch um die Preisverteilung.

tanzende Cholitas in einem der kleinen Dörfern

Nach einer weiteren Flussdurchquerung geht es sehr steil bergauf. Da steht eine Cholita am Strassenrand und möchte mitgenommen werden. Sie steigt neben uns in die Fahrerkabine ohne ihr, am Rücken gebundenes, farbiges Tragetuch abzunehmen. Sie heisst Aleja und arbeitet auf einem der Felder auf dem Weg nach Coripata. Zwei ihrer erwachsenen Kinder leben in Argentinien und Brasilien. Der jüngere Sohn erwartet uns vor ihrem Haus mit einem Krug Orangensaft, den er in ein Glas schenkt und uns durch das offene Autofenster anbietet. Es ist uns bis heute ein Rätsel, wie er wissen konnte, dass wir seine Mutter mitbringen.

Es ist schon wieder dunkel als wir ca. fünfzig Kilometer vor Coroico an einem Flüsschen stehen bleiben. Am Morgen staunen wir nicht schlecht, als ein Auto hinter uns hupt um an uns vorbeizukommen. Wir haben doch in der Dunkelheit soweit wir sehen konnten, keinen Weg gesehen. Wohin möchten sie denn, wundern wir uns? „Wir wollen das Auto waschen, dürfen wir bitte vorbei?“. Nachdem wir zur Seite fahren, können wir beobachten wie im Verlaufe der nächsten Stunde vier weitere Fahrzeuge ankommen um ihre Wäsche und die Autos in dem kleinen Fluss zu waschen.

Wir standen diese Nacht also so zu sagen auf der Waschstrasse. Eine Frau erklärt uns, dass sie in ihrem Haus kein Wasser haben und deshalb hierher kommen. Nach unserem Frühstück zeigen wir interessierte „Waschgänger“ unser Reisemobil. Im Gegenzug dürfen wir ein Auge reinwerfen in ein Fahrzeug, an dem die Lenkung von rechts nach links umgebaut wurde. Wie wir erfahren, werden viele alte Toyota-Fahrzeuge aus Japan nach Bolivien günstig abgegeben. Die Umrüstung von diesen Fahrzeugen wird hauptsächlich in Oruro vorgenommen für umgerechnet 200 USD. Ach, wenn wir einen guten Handwerker kennenlernen, würden wir auch gerne unser Fahrzeug umrüsten, doch was wir bisher an Umbauten gesehen haben, überzeugt uns noch nicht.

Unsere spannende Tour durch die von Touristen wenig frequentierte Strecke: Quillacollo, Independencia, Inquisivi, Coripata, Chulumani endet vorerst in Coroico… genauso wie dieser Bericht.

Bis bald meine Freunde!

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