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Action zum Abschluss

20 Sep

Getrieben von der Angst in eine gewalttätige Demonstration zu geraten, fahren wir frühmorgens Richtung La Paz. In einem Vorort auf ca. 3‘700 Meter Höhe erledigen wir zügig die nötigen Botengänge und Einkäufe und umfahren anschliessend das Zentrum in grossen Bögen, so dass wir über El Alto (ca. 4‘300 M.ü.M.) nach einigen Irrfahrten, welche in Sackgassen enden oder kreuz und quer über Felder führen, schliesslich doch auf die Hauptstrasse kommen, die zur peruanischen Grenze führt, ohne wirklich in der Stadt gewesen zu sein.

noch nicht ganz über dem Berg auf ca. 4300 MüM.

Unser nächstes Ziel vor Peru heisst Tiwanaku, die wichtigste archäologische Stätte Boliviens, ca. 30 km vor der Grenze. Diese erreichen wir bei Abenddämmerung. Das Dorf ist wie ausgestorben, keine Menschen zu sehen und auch keine Schilder, die den Weg zu dieser wichtigen Inka-Ruine weisen. Immerhin finden wir ein Hotel, in dem wir nach einer Campingmöglichkeit auf dem Parkplatz im Innenhof fragen können. Doch leider wird uns dies hier nicht erlaubt, da keine Toilette im Aussenbereich zur Verfügung stehe.

Im Dunkeln fahren wir also auf einem Weg aus dem Dorf heraus und biegen nach einer Weile zweimal nach links über Feldwege ab, so dass wir wieder Richtung Dorf zurückfahren. Wir suchen nach einer Möglichkeit im Freien vielleicht neben einer leerstehenden Adobehütte stehen zu können. Dann wird der Weg immer schmäler, doch Mike fährt trotzdem weiter und sieht nicht, dass er mit dem linken Vorderreifen in einen Wasserkanal fährt. Als ich „Schhh…“ rufe, bleibt er abrupt stehen und schon ist es passiert. Wir stecken fest!

bei Tageslicht wäre uns das sicherlich nicht passiert…

Die linken Räder befinden sich zur Hälfte im Dreck. Das Auto steht schräg. Mit allen Mitteln versuchen wir uns selbst aus dieser misslichen Lage zu befreien. Mike schaltet um auf Vierradantrieb. Damit sollte die Befreiung doch keine Sache sein, denken wir, doch eines der Hinterräder dreht durch.  Wir schaufeln Erde und alles, was wir in der Dunkelheit finden können, in den feuchten Matsch – Steine sind leider keine aufzutreiben. Dann lassen wir etwas Luft aus den Reifen raus. Doch ausser einer kleinen Ruckbewegung – kein Erfolg. Anschliessend kommt unser „Recovery-Set“ zum Einsatz, welchen wir erst einmal in Australien benutzt hatten, als wir am Nine Mile Beach auf einem Baumstamm hängen blieben.

damaliger Einsatz des „Recovery Sets“ am Nine Mile Beach

Der Luftsack, der aus einem stabilen Kunstgewebe besteht, dient als Wagenheber. So wird mittels Luft aus dem Auspuff, der Luftsack aufgeblasen um das Auto in die Waagerechte zu bringen, was uns ziemlich gut gelingt, dann versucht Mike unter dem Auto den metallischen Wagenheber aufzustellen um den Wagen noch höher zu bekommen. Doch das Gelände ist viel zu weich. Wir versuchen dies einpaar Mal bis der Luftsack platzt und wir von oben bis unten schwarz vom Russ da stehen!

Inmitten dieser Rettungsaktion läuft eine Bäuerin an uns vorbei und empfiehlt uns, gleich am frühen Morgen in die Gemeindeverwaltung zu gehen, um um einen Laster zu bitten, der uns rauszieht. Die Gegend sei sehr ruhig, wir brauchen uns hier keine Sorgen zu machen, sagt sie. Wir bedanken uns bei der alten Dame für den guten Tipp und geben unsere Bemühungen nach fast drei Stunden Kampf demotiviert auf. Dann räumen wird das Auto etwas um und ein, damit wir trotz Schräglage darin schlafen können. Mike möchte doch nicht das Auto hier alleine stehen lassen um ins Hotel zu gehen. Auf diese schräge Weise verbringen wir die letzte Nacht auf bolivianischem Boden.

Wir schlafen erstaunlich gut. Noch vor 8 Uhr marschieren wir zum Gemeindehaus, welches sich nur vier Blocks entfernt, schnurstracks  geradeaus von unserem Standort befindet. Von weitem können wir einen Bagger sehen und zwei Menschen, die sich auf dem Dorfplatz unterhalten. Ich spreche sie an und schildere die Situation, keine Minute später sitze ich im Bagger und dirigiere den Fahrer Rolando zu unserem Standort. Wir seien gerade rechtzeitig gekommen, sagt er. Eben wollte er auf die Baustelle fahren, in der er arbeitet. Glück gehabt!

juhuii… ich darf mitfahren!

Mit unserem Abschleppseil wird Dingidi aus dem Kanal herausgezogen und steht im Null Komma Plötzlich gerade auf festem Boden. Wer hätte gedacht, dass das Problem so schnell behoben wird! Überglücklich stehen wir da und winken Rolando zu, der mit dem eben verdienten Trinkgeld auch glücklich zu sein scheint und weiter zur Arbeit fährt.

Rausziehen innert Sekunden

Bevor wir losfahren, schaltet Mike den Vierradantrieb aus und will aus dem Auto aussteigen um die Locks wieder freizumachen, da fällt ihm auf, dass er diese gestern in der ganzen Aufregung vergessen hatte zu fixieren! Kein Wunder also, dass sich Dingidi nicht bewegt hat. Das ärgert ihn jetzt masslos und ist ihm sehr, sehr peinlich! So viele Male haben wir den Vierradantrieb benutzt und als wir wirklich in eine kritische Situation geraten, vergessen wir beide die Locks reinzumachen.

Mit dem Gefühl „versagt“ zu haben, machen wir uns auf die Suche nach einer Llanteria, wo wir die Reifen aufpumpen lassen wollen. In Bolivien findet man in den Tankstellen keine Luft zum Aufpumpen. Dies ist noch der Job des Reifenflickers, denn damit verdient dieser noch einpaar Bolivianos.

Reifen aufpumpen in der Llanteria

Als dies erledigt ist, geht die Suche weiter nach den Ruinen, die auch bei Tageslicht nicht so leicht zu finden sind, obschon das Dorf winzig klein ist. Wir fragen uns durch und sehen dann doch ein Schild keine 20 Meter vom Hotel entfernt, wo wir gestern nach der Campingmöglichkeit gefragt hatten. Auf dem Parkplatz der Ruinen steht ein Rollendes Hotel aus Deutschland. Wären wir also nur 20 Meter geradeaus vom Hotel weitergefahren, wäre uns die Panne erspart geblieben und wir hätten nicht alleine geschlafen, aber dann hätten wir vielleicht nicht so viel zu erzählen, bzw. ich nicht so viel zum Schreiben, nicht wahr?

das deutsche rollende Hotel

Während ich das Museum und die archäologische Stätte besichtige, unterhält sich Mike mit Rolf, dem netten Fahrer des Rollenden Hotels. Mike erfährt, dass sich in Südamerika mehrere solche Busse gleichzeitig auf Tour befinden. Diese werden für jede Tour nach Buenos Aires verschifft. Nicht überall schlafen die Gäste im Bus, so sind sie in solchen Höhen in Hotels untergebracht, vermutlich wegen der Kälte. Sie sind wie wir Richtung Peru unterwegs.

Im Museum sind einige der Fundstücke aus dieser Inkastätte ausgestellt wie Keramikschüssel, Werkzeuge und Jagdobjekte aus Stein. Fotos darf man leider keine schiessen. Das imposanteste zu sehen ist ein ca. 5 Meter hoher Steinblock, welcher Mitten in einem gedeckten Raum steht. In den Ruinen kann man la puerta del sol (das Sonnentor), la puerta de la luna (das Mondtor) sowie weitere Monolithen sehen und verschiedene Kolosseen. Es wird immer noch nach Fundstücke gegraben oder weitere Plätze rekonstruiert.

das Sonnentor

Die Information, die hier vermittelt wird ist sehr dürftig, obwohl internationale Preise von Ausländern kassiert werden. Für Einheimische ist der Eintritt erschwinglich. Ausländer bezahlen 80 Bolivianos, was sehr viel Geld ist für bolivianische Verhältnisse. Ich bin enttäuscht, denn die Stätte gilt als eine der wichtigsten auf dem Inkaweg. Tatsächlich sind hier einige Touristen mit eigenem Reiseführer unterwegs und vermutlich werden es bald mehr sein, denn ein amerikanisches Fernsehteam dreht zur Zeit einen Dokumentarfilm über Tiwanaku.

Filmaufnahmen in Tiwanaku

Wir fahren vor dem Rollenden Hotel weiter. Auf der ganzen Fahrt zur Grenzstadt Desaguadero kommen wir an verschiedene Tankstellen vorbei, die uns aber nicht bedienen wollen, weil sie angeblich keinen Rechnungsblock für ausländische Fahrzeuge hätten. Meine Bitten werden höflich verweigert, mit der Begründung, Videokameras seien überall angebracht und sie dürfen keine ausländischen Fahrzeuge ohne Spezialrechnung bedienen. So müssen wir halt in Peru mit etwas weniger als einen halben Tank Diesel einreisen.

Auf der kurzen Strecke zur Grenze machen wir gleich zweimal eine schlechte Erfahrung mit der bolivianischen Polizei. Vor dem Dorf Desaguadero winken uns drei Uniformierte raus, damit wir uns in ihr Kontrollbuch eintragen. Ich begleite einen Polizisten mit  Mikes Führerschein ins Büro, dieser beharrt aber auf Mikes Anwesenheit. Nach dem Eintrag verlangt er von uns 10 Bolivianos. Ich frage ihn warum, denn wir seien seit 80 Tagen in Bolivien unterwegs und hätten nie zahlen müssen für einen Eintrag. Daraufhin zeigt der Uniformierte auf sein Motorrad und meint, er brauche Geld für das Benzin! Höflich winken wir ab und gehen aus dem Büro. Draussen halten die anderen Polizisten in diesem Augenblick das Rollende Hotel an. Wir winken Rolf zu, steigen in unser Fahrzeug ein und fahren weiter. Der Polizist bleibt sprachlos auf der Strasse zurück.

Das zweite negative Erlebnis läuft an der Grenze ähnlich ab. Nachdem wir bei der Migration den Ausreisestempel erhalten und bei einem freundlichen Zöllner die Formalitäten für das Auto erledigen, pfeiffen uns drei Polizisten zu ihnen ins Büro, verlangen von uns die Papiere, die wir beim Zoll eben abgeben mussten?! Wir zeigen eine Kopie davon, auf welcher sie einen Stempel und eine Unterschrift auf die Rückseite anbringen, damit wir keine Probleme in Zukunft hätten, wie sie sagen.

Mittlerweile kommt ein anderer Polizist rein, der uns darüber informiert, dass es in Bolivien nicht erlaubt sei mit verdunkelten Scheiben zu fahren. Ich erkläre ihm, dass wir eine temporäre Fahrerlaubnis haben, die in ihrem Land dreimal bewilligt wurde und die bis zum 30. September gilt. Nach weiteren Versuchen, uns Geld aus der Tasche zu ziehen, zieht er mürrisch ab. Die anderen Polizisten verlangen für das abgestempelte Papier und für den Eintrag in ihr „Kontrollbuch“ 20 Bolivianos. Wir erklären wieder, dass wir bisher nie für einen Eintrag bezahlen mussten. Nach langem hin und her sagen sie, wir sollen halt geben was wir wollen. Aber wir wollen nicht… so winken wir wieder ab und laufen ohne zu zahlen heraus.

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Auf der peruanischen Seite steht noch das Rollende Hotel vor uns. Sie sind bereits durch die Migration und erledigen momentan die Zollformalitäten. Auf meine Frage, ob sie was bezahlen mussten bei der bolivianischen Polizei sagt Rolf, dass er immer kleinere Geschenke für die Behörde dabei hätte und somit um das Kassieren herumkomme. Der Reiseführer erklärt uns, dass wenn dies nichts nützt, die Forderung aus der Reisekasse bezahlt würde, nach dem Motto… wer gut schmiert, der gut fährt.

Wir verstehen, dass sie mit ihrer Reisegruppe keinen Ärger provozieren möchten. Wir sind jedoch nicht bereit, diese Art der Korruption zu unterstützen, auch wenn das geforderte für uns „peanuts“ sind. Heute wollen sie von uns 10 Bolivianos und in einem Jahr 100? So läuft doch das Spielchen.

Die peruanische Zollbehörde wurde von Rolf mit einer Handvoll Kugelschreiber beschenkt. Mal sehen, was sie von uns wollen.

Doch unser Misstrauen gegenüber den Peruanern ist hier unbegründet. Sowohl Migration wie auch Zoll wird zügig und freundlich erledigt. Der Polizei begegnen wir noch nicht. Die Strassenmaut wird gleich nach der Barriere kassiert: 5 Nuevos Soles (PEN) = 1,80 CHF.

Neue Währung, neues Land. Bienvenidos al Peru!

Route: Coroico – La Paz – Tiwanaku – Desaguadero

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La-Le-Li-Lo-Lu

19 Sep

Ich hege die grosse Hoffnung, dass der stationäre Aufenthalt in Coroico, uns die Gelegenheit gibt, die Berichte auf den heutigen Stand zu bringen. Es kann doch nicht sein, dass wir stets zwei Monate in Verzug sind! Ich setze mich hin und schreibe, schreibe und schreibe, sortiere tausende von Fotos, bearbeite und wähle aus, lade hoch und veröffentliche einen Bericht nach dem anderen. Doch die zwei Monate Verzug bleiben so. Irgendwie bringen wir es nicht auf die Reihe aktuell zu sein. Sorry!

Le- für Lernen

Wir stehen im Garten der Schule Pichilemino. Mike nimmt täglich zwei Stunden Spanisch-Unterricht bei seiner chilenischen Lehrerin Claudia und sitzt anschliessend bis zu vier Stunden bei den Hausaufgaben. Als ihm dies zu viel wird, setzt er den Unterricht jeden zweiten Tag aus, bleibt aber beim täglichen Selbststudium. Ich nehme mir vor, (nur) in Spanisch mit ihm zu sprechen, was mir nur etwa eine Stunde am Tag gelingt, denn für ihn ist es viel zu anstrengend und mir macht es keinen Spass Selbstgespräche zu führen, wem schon?

höchste Konzentration ist gefordert

Die üppige Vegetation in einer angenehmen Höhe von 1‘700 M.ü.M. gefällt uns. Die Tagestemperaturen können bei Sonnenschein 24 Grad erreichen und bei Regenwetter um die 16 Grad, die Schwankungen zwischen Tag und Nacht sind in dieser Höhe nicht mehr so extrem. Der Unterschied beträgt auch nur maximal 8 Grad. Der Regen entschärft für wenige Tage die Wasserknappheit im Dorf.

Wir sammeln in einer Nacht mit Hilfe unserer schräg gestellten Markise und einem Wasserkanister 20 Liter Wasser, die wir für den Abwasch und das Duschen gebrauchen. Wir stellen uns vor, wie gut die Menschen hier leben könnten, wenn sie Regenwasser fachgerecht sammeln würden. Dies würde die Situation in der Trockenzeit von August bis November wesentlich entschärfen, wenn das staatliche Wasserreservoir viel zu wenig Wasser enthält und die Zufuhr dosiert stattfindet. Nur einige Stunden am Tag gibt es fliessendes Wasser. Einige Sektoren bekommen gar kein Wasser, da das Kontingent wohl vorher ausgeschöpft wird und das ist leider bei unserem Sektor der Fall. Pech gehabt!

parken auf unebenem Gelände vor der Spanisch Schule „Pichilemino“

Das rauf- und runter der letzten Wochen und der ständige Klimawechsel hinterlässt nun auch bei mir Spuren. Ich bin während viele Tage stark verschnupft und hüte dann auch noch das Bett. Als ich mich besser fühle, nehme ich die Gelegenheit wahr, um per Bus dem bolivianischen Regenwald, vor dem wir uns befinden, einen Besuch abzustatten, während Mike weiterhin fleissig Spanisch büffelt.

Der Ausflug in den Regenwald ist aber ein anderes Thema, deshalb schreibe ich dafür einen eigenen Bericht… ups sorry… es sind zwei geworden, welche kurz nach diesem erscheinen werden: Unter Dschungelfahrt ist die Fahrt beschrieben und unter Dschungelweisheit der Aufenthalt im Dschungel.

Hier geht es ja um Coroico. Ganze 18 Tage steht unser Dingidi im Garten der Spanischlehrerin. Eigentlich hatten wir vor, nach drei Wochen die Reise nach Peru weiterzuführen, aber irgendwie sind wir innerlich noch nicht für die Weiterreise parat. So beschliessen wir, für die letzten Tage, wieder auf den Parkplatz des Hostal Sol y Luna zu ziehen, auf dem wir beim ersten Aufenthalt in Coroico standen. Hier schätzen wir ein letztes Mal das angenehme Ambiente, das uns die verschiedenen Räumlichkeiten bieten sowie die Toilette und Dusche, denn das Hostal verfügt über eigene Wasserquellen, die es selber unterhält und hat somit genügend Reserven.

der Yoga- und Massage-Raum zu oberst im Sol y Luna Hang

Während diesen Tagen ist Sol y Luna wieder einmal ausgebucht. Es hat viele Leute aus allen möglichen Ländern, England, Holland, Deutschland, Schweiz, Chile um einige zu nennen. Schwer ins Auge und ins Ohr fällt eine Gruppe von 15 jungen US-Amerikaner- /innen, die sich hier für ihre Reise durch Bolivien akklimatisieren.

La- für Lachen

Hier lernen wir einen Spanier aus Gran Canaria kennen, der seinen Wohnsitz in Mexiko hat, während dem letzten Jahr aber in Ecuador an einem Projekt als Topograph gearbeitet hat und jetzt mit seinem Motorrad Südamerika bereist. Mit Hector unterhalten wir uns gerne und lange über das Leben in Lateinamerika mit allen seinen Tücken, über das Reisen und über die Länder in denen er als selbständiger Topograph gearbeitet hat wie Mexiko und Venezuela. Er ist ein herzlicher Mensch, der unheimlich viel Interessantes zu erzählen weiss in einem perfekten Englisch, so dass Mike sich auch ohne mich mit ihm unterhalten kann. So verbringen wir gemeinsam viele Abende und es gibt viel zu Lachen.

unser neuer Freund Hector alias „el canario“

Als das Wochenende vorbei ist und wir uns erneut Gedanken machen um die Weiterfahrt, sperren  Minenarbeiter die Ausgänge von La Paz. Bei La Cumbre wird die Strasse blockiert, so dass die Fahrzeuge über die Hauptroute nicht zirkulieren können. Man rät uns davon ab, nach La Paz zu fahren, denn die Minenarbeiter verstehen keinen Spass und werfen mit Steinen und Dynamit um sich. Wir hoffen also, dass sich die Situation in den nächsten Tagen beruhigt und warten geduldig in Coroico. Uns drängt ja nichts zum Fahren, nicht so wie andere Reisende, die darauf angewiesen sind, ihre Flüge an einem festen Tag zu nehmen.

Lu- für Luemmeln

Wenn wir ehrlich sind, sind wir gar nicht traurig darüber, einige Tage mehr in dieser schönen Umgebung verbringen zu „müssen“. Und langweilig wird es uns nicht, wir hätten ja noch einige Berichte zu schreiben und Mike könnte weiterhin Spanisch lernen, aber dazu kommen wir meist nicht, da die Gespräche mit Hector so interessant sind, dass uns die Zeit davon läuft. Ich, meinerseits,  freue mich, nachdem die amerikanische Gruppe weggefahren ist und endlich Ruhe einkehrt, den geräumigen Yoga-Raum für mich zu haben. Dort habe ich nun Gelegenheit die Thai-Massage zu praktizieren, wenn mir schon mal so ein toller, schöner Raum zur Verfügung steht! Zuerst übe ich mit Mike, dann muss/darf auch Hector herhalten, solange er noch hier ist.

da fühlt man sich sooo wohl! Schatziiii… ich will auch mal so einen Raum

Zwischendurch fotografiere ich die verschiedenen Bungalows und Räume im Hostal, weil mir diese so gut gefallen. Hier kann man so viele Ideen sammeln, mal sehen, was wir später davon umsetzen werden.

das Bungalow „Bamboos“

Li- für Lynchen

Die Strassenblockade und die Ausschreitungen in La Paz halten einige Tage an, Verhandlungs-Gespräche zwischen der Regierung und der Gewerkschaft bringen vorerst keine Früchte, mittlerweile gehen die Gewerkschaftler auf die freiberuflichen Minenarbeiter los und verletzen sich gegenseitig, es gibt sogar ein Todesopfer unter den Freiberuflichen. Diese kündigen nun Rache an.

Um was geht es hier überhaupt? Die Minenarbeiter kämpfen um das Recht, eine Mine in der Nähe von Oruro in Eigenregie zu betreiben. Und warum kämpfen sie in La Paz und nicht in Oruro? Weil es effektiver ist in La Paz. Hier wird ihren Forderungen eher Aufmerksamkeit geschenkt. Ausserdem verlangen sie, dass die Verhandlungen mit dem Präsidenten Evo Morales direkt stattfinden und nicht mit anderen Funktionäre. Für die Ausschreitungen in dieser Form ist eigentlich Evo Morales selbstverantwortlich, denn er war es, der als Cocabauer, vor seiner Zeit als Präsident, das Volk mobilisiert hat, Strassen zu sperren um ihre Forderungen durchzusetzen. Nun aber, findet er selbst diese Art der Demonstration nicht mehr so lustig.

Kurios an der Sperrung ist, dass sie aufs Wochenende vorläufig aufgehoben wird. Und dies, weil man ja nur montags bis freitags arbeitet, so könnten wir eigentlich am Wochenende losfahren so wie unser neuer Freund Hector. Da ich aber die Botengänge in der Kolumbianischen Botschaft abschliessen will, brauche ich einen Werktag und ausserdem haben wir ja noch was zu feiern in den nächsten Tagen und das wollen wir nicht im Auto am Strassenrand oder in La Paz tun. Also entscheiden wir uns noch eine Weile hier an diesem schönen Fleck zu bleiben.

Verbindungswege zwischen den Bungalows

Bei einem Ausflug darf ich eine junge in Chile lebenden Urugayerin begleiten. Virginia wohnt in Santiago und arbeitet an der Börse, was sie nicht sehr glücklich macht, doch finanziell eigenständig. Wir durften sie die Tage zusammen mit Hector willkommen heissen, als sie wegen der Demonstration erst mitten in der Nacht im Hostal angekommen war. Sie hat ein straffes Programm und möchte fast alle Orte besuchen, die wir in den letzten zwei Monaten in Bolivien gesehen haben. Allerdings hat sie dazu nur eine Woche Zeit und davon verbringt sie drei Tage in Coroico am Eingang des Regenwaldes. Nicht einmal richtig Zeit zur Akklimatisierung hat sie.

La- für Laufen

So machen wir (Virginia und ich) uns um 9.30 Uhr schnellen Schrittes zu einem der Ausflugsziele in der Gegend, einem Fluss im Tal in dem man baden kann. Der Weg nach Vagantes ist schlecht beschildert, dank der handgezeichneten Karte vom Hostal und das Herumfragen am Dorfausgang finden wir aber den Weg und die Abkürzungen – zumindest auf dem Hinweg. Es geht massiv steil nach unten und obwohl der Himmel teilweise bewölkt ist, wird es sehr heiss. Virginia bekommt auf dem Weg einen Sonnenbrand und bereitet sich gedanklich schon auf den Muskelkater vor, den sie morgen haben wird. Ich glaube, sie hat sich die Wanderung anders vorgestellt, freut sich aber über meine  Begleitung.

Gegen Mittag kommen wir am Fluss an und geniessen die kühle Erfrischung in einem der Pools. Nach einer kurzen Rast beraten wir uns über den weiteren Weg und beschliessen gemäss Kartenbeschrieb dem Fluss aufwärts zu folgen. Der Weg endet aber nach wenigen Metern und uns bleiben drei  Alternativen: im Wasser über die Steine zu waden, was ich mit den Turnschuhen weniger prickelnd finde, denselben Weg zurück zu gehen über den wir gekommen sind oder einen schmalen Weg zu nehmen, der sich hier eröffnet und der vermutlich über den Berg führt. Wir versuchen unser Glück auf dem letzteren. Nachdem wir ein Pavillion auf der Strecke finden, in dem eine Tafel von einem durch die EU finanziell unterstützten Projekt über Wanderwege informiert, sind wir guter Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein.

Denkste! Wir laufen und laufen und laufen und, ich weiss nicht nach wie vielen hart errungenen Höhenmeter  in dieser Hitze und mit nur noch einem Schluck Wasser in der Flasche, wir an einem herunter gerutschten Hang ankommen, der den Pfad weggerissen hat. Wir können aber auf der anderen Seite, 50 Meter entfernt, den weiterführenden Wanderpfad erkennen und so packen wir unseren ganzen Mut zusammen und krachseln über dieses Geröll, was leichter geht als erwartet. Es geht höher und höher und ich freue mich schon auf den Gipfel. Da werden meine Träume aber nieder geschmettert,  als ich sehe, dass ein weiterer Hang abgerutscht ist und die Strecke endgültig verschluckt hat. In diesem Moment fällt es mir sehr schwer zu akzeptieren, dass es keinen anderen Weg gibt, als zurück zu gehen.

Zurück am Fluss treffen wir eine englische Familie, die ebenfalls im Sol y Luna untergebracht ist und uns freundlicherweise ihr Handy zur Verfügung stellt. Virginia ist erschöpft und nicht mehr in der Lage, den ganzen Weg zurück zu gehen, deshalb wollen wir uns ein Taxi bestellen. Doch leider haben wir hier keinen Empfang. So entscheiden wir zu warten, bis die Familie in einer Stunde abgeholt wird. Wenn wir Glück haben und das Taxi gross genug ist, könnten wir mitfahren, ansonsten kann das Taxi einen Kollegen rufen. Wir haben Glück und fahren im Kofferraum mit. Auf dem Rückweg erkenne ich, dass ich es bei dieser Steigung wohl auch nicht geschafft hätte bis nach Coroico zu gehen. Herzlichen Dank den Engländern und dem Taxifahrer! So oft ich über die bolivianischen Taxifahrer schimpfe, über die rücksichtslose Art und Weise ihrer Fahrt und diese sinnlose Huperei, ab jetzt empfinde ich auch Dankbarkeit.

im Restaurant sind Hector und Mike oft anzutreffen

Bevor Hector uns verlässt, ermutigt er mich, die Thai-Massage im Hostal anzubieten. Ich hatte ja schon mit dem Gedanken gespielt, mich aber nicht so recht getraut. Eines Morgens erzähle ich aber Dania, der netten Managerin, dass ich die Thai-Massage praktiziere. Sie sagt dann vorwurfsvoll, warum ich denn dies nicht schon früher erwähnt hätte, denn sie hätte so viele Anfragen für Massagen gehabt in den letzten Tagen. Üblicherweise wird hier Shiatsu angeboten für 160 Bolivianos die Stunde, doch die Masseurin ist momentan nicht in Coroico. Ich biete die Stunde Thai-Massage für die Hälfte an, also für 80 Bolivianos, da ich dies für angemessen halte und biete noch eine 90 und 120 minütige Massage an.

Hector muss dran glauben!

Am selben Tag arrangiert Dania die erste Massage, besetzt den Raum und beschafft mir frische Laken für die Matratzen. Von der netten englischen Familie, möchte dann auch der Mann eine Behandlung  und er empfiehlt mir anschliessend, eine Amerikanerin, die nach einer Massage fragte, anzusprechen. Auch die Besitzerin, Sigrid lässt sich zwei Mal massieren. So gebe ich an einem Tag drei und am folgenden Tag gar vier Behandlungen. Ich bin beeindruckt und begeistert, mein erstes Geld zu verdienen, mit meinen in Thailand erworbenen Kenntnissen, mit einer körperlichen und dazu noch heilenden Tätigkeit. Mit etwas ganz anderes als meinen ursprünglich erlernten Beruf im Büro. Wahnsinn!

Lo- für Loeschen

Wahnsinn ist auch die Feuerlöschaktion des Waldes über Sol y Luna. Am Samstag-Nachmittag brennt der Wald lichterloh. Sigrid mobilisiert per Telefon Helfer fürs Löschen. Sie fragt auch Mike, ob er bereit wäre, dabei zu helfen, denn an diesem Wochenende sind nur wenige Männer aufzutreiben. Die meisten sitzen im Nachbardorf und feiern einen besonderen Tag und füllen sich dabei „die Lampe“. Mike, der froh ist um Abwechslung, da er seit vielen Tagen an seinem Bericht sitzt, hilft natürlich sehr gerne.

brennender Wald oberhalb von Sol y Luna

Während meinen Massagen erfahre ich vom Feuer und dass Mike beim Helfen dabei ist. Schwarz vom Russ und leicht verletzt, berichtet mein Held nach Rückkehr, dass die wenigen Helfer keine richtige Ausrüstung fürs Löschen besitzen und nur selten mit Schaufel und Machete ausgestattet waren. Es gibt keine Feuerwehr in Coroico und auch nicht ausreichend Wasser, und selbst wenn genügend Wasser und ein Feuerwehrauto vorhanden wäre, könnte man in diesem Gelände wohl auch nicht viel damit anfangen. So sind die meisten Helfer nur mit Stöcken und Ästen bewaffnet um das Feuer damit zu erschlagen.

Mike ist erstaunt, wie durch das Schlagen, die Flammen effektiv erstickt wurden. Diejenige, die mit Machete bewaffnet sind, entfernen Buschwerk, damit das Feuer nicht noch mehr genährt wird und auch, um Zugang zu den akuten Feuerstellen zu bekommen. Die anderen benutzen die Schaufeln auch um das Feuer zu schlagen und nicht um Erde darüber zu schütten wie Mike vermutet hätte. Nach einer Stunde hatten sie das Feuer immer noch nicht richtig unter Kontrolle. An bereits gelöschte Stellen entfacht es wieder durch die Glut und den starken Wind.

Der Wind erschwert und verzögert die Löschaktion stark. Dann aber dreht er und treibt das Feuer zur Bergspitze. Die Helfer lassen es nun gewähren und gehen einfach wieder nach Hause. Keiner bleibt zurück um die Lage im Auge zu behalten. Was Mike besonders perfide findet, ist die Musikkappelle, die bei den Festivitäten unten im Dorf ohne Unterbruch weiter spielt. Unbegreiflich, diese Teilnahmslosigkeit, denn die riesigen Flammen waren natürlich auch von unten deutlich zu erkennen, wie uns Anna Margarethe und Sabine berichten, die von ihrer Wanderung nach Vagantes zurückkommen.

Mike berichtet; Anna Margarethe und Sabine hören interessiert zu. Der kleine Bub auch, aber ob er Deutsch versteht? Egal, Feuerwehrmänner sind doch cool! oder heiss?

Welch ein spannender Zufall… Anna Margarethe arbeitet an einem ähnlichen Abfalltrennungs-Projekt für Swisscontact in La Paz wie Angela in Tiquipaya. Ich kann mich mit ihr leider nicht so lange darüber unterhalten, wegen der Massage-Termine und weil sie am Sonntag schon wegfahren. Mike aber, kann die Unterhaltungen mit den beiden geniessen und beim gemeinsamen Geburtstags-Frühstück schätzt er ihre Gratulationen. Wir tauschen unsere Email-Adressen aus, um in Kontakt zu bleiben und ich hoffe, sie in La Paz vor unserer Weiterfahrt wiederzusehen, was aber nicht so einfach zu koordinieren sein wird, denn Sabine befindet sich hier im Urlaub und Anna Margarethe begleitet ihre ehemalige Arbeitskollegin in einigen Tagen auf eine geführte Tour über den Salar de Uyuni.

Durch die Behandlungen habe ich genügend Bolivianos verdient, um die Auslagen für die Campinggebühren zu decken. Für den gemieteten Bungalow hätte ich einpaar Kunden mehr haben müssen. Aber an unserem Hochzeitstag und meinem Geburtstag möchte ich die Zeit anders nutzen obschon mir das Massieren Spass macht. Während ich an Mikes Geburtstag fleissig massiere, schreibt er seinen Bericht Bolivia auf 3700 Meter fertig.

Li – für Lieben

Abends feiern wir seinen Runden (das hört er gar nicht gerne), bei Deutscher Kost in der Backstube: Sauerbraten mit Spätzle – über was man sich alles freuen kann.

wir feiern uns gegenseitig

Freuen tun wir uns auch über die Annehmlichkeiten eines grösseren Raumes mit eigener Dusche und Bad, wenn auch nur für einen (Hochzeits-)Tag. Der gemietete Bungalow Bamboos ist aber weit mehr als das. Die Wohnterrasse mit Sicht auf das subtropische Tal, während man in der Hängematte liegt, verstärkt den Wunsch nach einem eigenen Zuhause in der Natur. Wir geniessen diesen Tag nur unter uns und gönnen uns am Abend ein romantisches Bad in einem so genannten Hot Tube, das wirklich schön hot war. Nach diesem heissen Bad und dem Glas Wein schlafen wir wie die Babys und möchten am nächsten Tag um 11 Uhr gar nicht ausziehen. Aber alles Trödeln hilft nichts, der schöne Bungalow ist für heute anderweitig vermietet. So ziehen wir, nach einem ausgiebigen Geburtstags-Frühstück auf der Wohnterrasse, mit Sack und Pack aus unserer Honeymoon-Suite aus und in Dingidi wieder ein.

die gemütliche Frühstücksterrasse im „Bamboos“

Riesig freue ich mich über die vielen Glückwünsche und verbringe den restlichen Tag damit sie zu lesen und mit meiner Familie zu telefonieren. Das Feieressen fällt heute nicht so speziell aus, da dienstags alle guten Restaurants im Dorf geschlossen haben, aber in unserer Vorstellung planen wir ein ganz besonderes Essen, welches wir überraschend von unseren lieben Freundinnen aus der Schweiz Judith und Yvonne für unsere Festtage geschenkt bekommen haben.

Lo- für Losfahren

Am folgenden Tag, nach genau vier Wochen und vier Tage, fahren wir in aller Früh nach La Paz, in der Hoffnung, den erneut angekündigten Strassensperren ausweichen zu können.

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Aufwiedersehen Coroico!

Ufwieder-Lu-ege!